„Die Serviette nicht in den Kragen“

An Weihnachten und Silvester wird’s festlich: Interview mit einer Freiburger Knigge-Trainerin über Tischsitten

Umgangsformen, Körpersprache, Auftreten und das richtige Erscheinungsbild sind die Themen von Betül Hanisch (44). Seit 2006 betreibt die frühere Flugbegleiterin in Freiburg eine Business-Knigge-Schule für Führungs- und Nachwuchskräfte. Matthias Joers sprach mit ihr über Tischsitten und die Spielregeln für die Weihnachtsfeier mit Kollegen.

Es die Zeit der Weihnachtsfeiern und Festessen mit Kollegen oder Geschäftspartnern. Ein Klassiker bei offiziellen Anlässen: Man kommt in einen Raum voller Menschen, und kennt nicht eine Person. Ist man da nicht hoffnungslos verloren?

Hanisch: Ja, für Menschen, die Schwierigkeiten haben, einen Einstieg zu finden, fühlt sich das so an. Da hilft zu wissen: Es geht allen so. Jeder freut sich, wenn er registriert wird. Wenn ich Sie anspreche, heißt das, ich habe Sie wahrgenommen und interessiere mich für Sie. Ich suche zum Beispiel immer nach sympathischen Gesichtern. Und ich gehe davon aus, dass alle den Kontakt wünschen, sonst wären die ja nicht gekommen.

Wie komme ich aber in eine Gesprächssituation hinein?

Hanisch: Das Erste ist immer der Blick. Am besten kombiniert mit einem Lächeln, dann gibt es keine Missverständnisse. Denn wenn jemand nur schaut, kann es sein, ich denke, derjenige schaut, weil etwas in meinem Gesicht klebt. Das verunsichert. Wenn Sie aber gleich lächeln, ist die Sprache eindeutig. Also: Lächeln, mal ans Büffet laufen, nochmal vorbeilaufen, wieder lächeln. Dann wissen beide, nachher werden wir uns unterhalten. Für die ganz Schüchternen geht auch: Ans Buffet stellen und zum Nebenmann sagen ’Haben Sie mal die Gambas probiert, die sind herrlich’. Schon ist man im Small Talk drin. Was auch gut ankommt, sind Komplimente. Wenn man über das Essen motzt, kommt das wiederum nicht gut an. Die Regel lautet: Immer nach Gemeinsamkeiten suchen.

Bei Empfängen wird häufig im Stehen gegessen. Wie bringt man das würdevoll über die Bühne, ohne sich zu bekleckern, und dabei auch noch ein Gespräch zu führen?

Hanisch: Ganz tückisch sind Mohnteilchen, die in den Zähnen hängen bleiben und keiner sagt es einem. Da ist es besser, darauf zu verzichten. Und wenn ich es doch esse, werfe ich danach einen Blick in den Spiegel.

Und wenn es bei Häppchen zu einem Gespräch kommt?

Hanisch: Wichtig ist es, kleinere Happen abzubeißen. Es gibt ja Menschen, die verschlingen ihr Essen. Wenn Sie den Mund voll haben, können Sie ja nicht reden und der andere wird währenddessen mit Ihnen sprechen. Es wird also immer einen Moment geben, in dem es zu einer zeitlichen Verzögerung kommt. Aber trotzdem bitte zuerst zu Ende kauen, und dann antworten. Auch ein ’Entschuldigung, ich wollte nicht mit vollem Mund antworten’, hilft weiter. Bei Knigge sind ja nicht alle auf einem Level. Empathie und Einfühlungsvermögen für den anderen zu entwickeln, ist ganz entscheidend. Wer das von vornherein mitbringt, kann getrost auch mal eine Kniggeregel brechen.

Bei Tisch stellt sich die Frage: Wann darf ich anfangen zu essen. Erst wenn der Gastgeber auch isst?

Hanisch: Ja. Der Impuls geht von demjenigen aus, der einlädt. Erst wenn der Gastgeber zu Messer und Gabel greift, beginnen alle. Natürlich darf der Entscheider die Regel brechen und sagen ’bitte fangt schon mal an.’ Wenn sich der Gastgeber aber mit Kniggeregeln nicht auskennt, kommt es zum Konflikt am Tisch.

Was ist bei der Serviette wichtig?

Hanisch: Sie nehmen die Serviette frühestens vom Gedeck runter, wenn der Gastgeber sie nimmt. Dann lege ich sie mir auf den Schoß. Ich stecke sie nicht in den Kragen. Man putzt auch nicht die Nase damit. Bei der Stoffserviette halten sich die meisten Gott sei Dank zurück, aber die Papierserviette wird gerne zum Naseputzen verwendet. Zur Winterzeit, wenn die Nase läuft, empfehle ich den Männern – natürlich auch den Frauen – dass sie selbst Taschentücher dabei haben.

Und darf ich schon etwas trinken, gerade wenn ich Durst habe?

Hanisch: Eigentlich nicht. Auch da würden Sie warten, bis der Gastgeber den ersten Schluck nimmt. Was viele auch nicht wissen: Während dem Trinkspruch oder einer Tischrede, die bei Weihnachtsessen oft gehalten wird, bitte ebenfalls nichts essen und auch nichts trinken.

Auch bei einer längeren Rede?

Hanisch: Ja. Da ist wiederum Toleranz beim Redner gefragt. Eine Rede sollte nicht länger als fünf Minuten dauern. Irgendwann rotiert ja die Küche, die das Essen warmhält. Im Idealfall also zwei, drei Sätze über die Vergangenheit, zwei, drei Sätze über das Jetzt und zwei, drei Sätze über die Zukunft. Man quält seine Zuhörer nicht mit einer 30-minütigen Rede. Auch ein Fauxpas: An das Glas mit dem Messer klopfen, um für Aufmerksamkeit zu sorgen. Besser ist es, der Redner steht auf, wartet geduldig. Seine Nebenleute werden ihn als erstes bemerken und schweigen. Das macht dann die Runde, bis tatsächlich Ruhe ist.

Gibt es sonst einen Kardinalfehler?

Hanisch: Ein Beispiel: Sie sind in einer Weihnachtgesellschaft und es wird diskutiert. Der eine sagt ’Das war 1997’, der andere behauptet ’Nein, 1995’. Dann holt einer das Smartphone raus, googelt und sagt ’Siehste, ich hatte recht’. Da geht es ums Rechthaben. Aber es ist ein Kardinalfehler anderen ihre Fehler vorzuhalten. Der Autor Marshall Rosenberg hat den Satz geprägt: ’Willst Du Recht haben, oder glücklich sein? Beides geht nicht.’ Danach sollte man handeln und sich vorher überlegen, ob man der Schwiegermutter eines auswischt. Natürlich gibt es Momente, in denen ich sage, ich will Recht haben. Aber diese ständige Rechthaberei geht nicht. Gerade jetzt an den Festtagen ist der beste Zeitpunkt für Zurückhaltung, Nächstenliebe und Toleranz.

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