Wie wollen wir leben?

Phase zwei für Freiburgs Flächennutzungsplan startet – doch die Zielgruppe bringt sich wenig ein

Wie sieht das Freiburg von übermorgen aus? Spannende Trends der Zukunft für Freiburgs Flächennutzungsplan 2040 gibt es viele. Vor allem die 20- bis 40-jährigen sind aufgerufen, sich zu beteiligen – doch die Resonanz ist bisher gering. Bis 2023 soll Freiburgs neuer Flächennutzungsplan fertig sein, und aufzeigen, wie sich Freiburg bis 2040 räumlich weiterentwickeln soll. Jetzt geht die Diskussion in Runde zwei. Am Auftaktabend erläuterte Baubürgermeister Martin Haag die kommenden Schritte. Statt sich „sofort in die Flächendiskussion zu stürzen“, sollen verschiedene Szenarien erarbeitet werden. Helfen werden dabei zwei externe Fachbüros, Futur A aus Bonn und Urbanista aus Hamburg.


„Mit Knappheit umgehen“
Diese haben 125 Trends für die „Stadt von übermorgen“ gesammelt. Ein Trend, der sich abzeichnet, ist zum Beispiel die Rückkehr der urbanen Produktion. Die fortschreitende Miniaturisierung und der 3D-Druck lassen Produktionsprozesse leiser und sauberer werden, auch der vertikale Anbau von Gemüse in urbanen Gewächshäusern gilt als zukunftsträchtige Lösung. „Läden in der Innenstadt könnten durchaus zu Logistik-Drehkreuzen ausgebaut werden“, sagt Zukunftsforscherin Doris Sibum von Futur A. Solche Logistik-Hubs könnten helfen, den städtischen Warentransport schadstoffärmer und nachhaltiger zu machen. „Das Problem: Die Hubs brauchen Fläche“, sagt Sibum. Die Zukunftszenarien sollen zeigen, was geschehen könnte, „wenn diese Trends auf die Stadt prallen“, erläutert Julian Petrin von Urbanista.
Die geringe Zahl verfügbarer Flächen ist dabei in Freiburg die drängendste Problematik. „Mit dieser Knappheit müssen wir umgehen“, sagt Städteplaner Petrin. Das kann nur gelingen, indem „wir Nutzungen mischen, um graue Infrastruktur zu reduzieren“, erklärt Markus Liesen vom Freiburger Stadtplanungsamt. Als Positivbeispiel aus Freiburg erwähnt er den Stühlinger Gewerbehof. Und im Züricher Vorzeige-Bauprojekt Kalkbreite ist es einer Baugenossenschaft gelungen, über einem Straßenbahndepot sozial durchmischte Wohnungen für 250 Menschen mit Läden, Kinos und Kita zu bauen. Der Blick in die Zukunft führt auch zu neuen Wohnformen, etwa Mikroapartments oder Tiny Houses. Liesens Amtskollegin Hanna Denecke sagt außerdem, dass Freiburg ein Minimum an Grünflächen und Freiräumen braucht, die nicht reglementiert oder mit Nutzungen überfrachtet seien. „Darauf müssen wir auch achten“, sagt Dennecke. Für den neuen Flächennutzungsplan – ein Mammutwerk – möchte Liesen zudem „neue Planzeichen“ erfinden.
Doch all die innovativen Vorschläge für „Freiburgs Drehbuch von morgen“ (O-Ton: Haag) bringen wenig, wenn sich die Bürger nicht einbringen. Die Stadt hat für die erste Phase 1.000 Zufallsbürger angeschrieben. Zielgruppe ist die Generation der heute 20- bis 40-Jährigen. Die Resonanz fiel ernüchternd aus: „Gekommen sind 34“, so Stadtplaner Liesen. Im Gespräch mit dem Wochenbericht sagt Baubürgermeister Haag: „Das Thema Stadtentwicklung steht nicht bei jedem ganz oben auf der Agenda. Die Menschen sind viel beschäftigt, daher mache ich niemandem einen Vorwurf“, so Haag. Aber auch er stellt fest, dass es immer wieder die Gleichen seien, die sich einbringen würden. „Was die für Meinungen haben, das wissen wir. Uns geht es darum, Meinungen von Menschen einzuholen, díe nicht regelmäßig zu solchen Veranstaltungen kommen.“ Schlecht finde er die Rücklaufquote im Übrigen nicht: „Aber es könnte mehr sein.“ 2020 sollen daher „ganz gezielt“ Jugendliche angesprochen werden. Auf einer Homepage (www.freiburg.de/uebermorgen) werden die Veranstaltungen gestreamt, mitkommentieren kann man über ein Online-Tool. Auch die häufig abstrakte Sprache der Planer soll verständlicher werden, sagt Haag: „Das wollen wir besser machen.“

Matthias Joers

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