Plastikwahn und kein Ende

Wie lässt sich Verpackungsmüll reduzieren? Für den Einkauf auf dem Münstermarkt gibt es nun eine ökologische Alternative

Das Umweltbundesamt (UBA) meldete am Montag einen neuen Höchststand bei Verpackungsabfällen in Deutschland: mit 18,7 Millionen Tonnen verbrauchten die Deutschen drei Prozent mehr Plastik als noch 2016. Pro Kopf und Jahr sind das durchschnittlich 226,5 Kilo Verpackungsabfall. „Wir verbrauchen viel zu viele Verpackungen“, sagt UBA-Präsidentin Maria Krautzberger. Zwar sei die Recyclingquote mit knapp 70 Prozent gut. Doch der Trend zu immer kleineren Portionen, der florierende Versandhandel durch Amazon & Co. sowie das beliebte Mitnehm-Essen konterkariere die Bemühungen. Verpackungsabfälle müssten möglichst schon in der Produktionsphase vermieden werden, sagt Krautzberger. Und: „Wer seinen Kaffee oder Essen mitnimmt, sollte das auch in Mehrwegbehältern tun können“, sagt Krautzberger.

Ein Dreier-Set aus Asien
Auf dem Freiburger Münstermarkt ist der Kampf gegen den Plastikmüll schon lange ein Gesprächsthema. Marktbeschicker Martin Meier von Meier’s Obst- und Gemüsehof findet es allerdings „schade“, dass erst die Zeitungen darüber schreiben müssten, ehe sich etwas am Verhalten der Menschen ändere. Er sagt: „Bei vielen Leuten kommt man erst in die Köpfe, wenn es ihnen an den Geldbeutel geht.“ Er führt häufig Gespräche mit den Kunden und versucht sie davon zu überzeugen, auf die kleinen Plastiktüten zu verzichten.
Die hauchdünnen Tütchen sind Michael Broglin, Chef der Freiburger Abfallwirtschaft (ASF) schon lange ein Dorn im Auge. Sie landen nach dem Einkauf in der Regel sofort im Müll, die Ökobilanz der auf Erdölbasis produzierten Tüten ist schlecht. Gemeinsam mit der ASF und der städtischen Vermarktungsgesellschaft FWTM hat die Stadt daher nun eine Mehrwegnetz für den Markteinkauf vorgestellt: das Marktsäckle, ein aus recyceltem PET hergestelltes Einkaufsnetz, das sich dank einer Kordel auch verschließen lässt. Hergestellt wird es bei einem deutschen Unternehmen, „in Asien“, wie Broglin einräumt, aber man achte auf die Einhaltung von Sozialstandards. Das Dreier-Set ist ab sofort für 3 Euro an den Marktständen erhältlich, ab Januar auch auf den Stadtteilmärkten. 6.000 Sets ließ die Stadt für die erste Charge produzieren.
„Das Marktsäckle hat eine nahezu unbegrenzte Lebenszeit und ist ein gutes Produkt, um die klassischen Einwegtüten abzulösen“, sagt Broglin. Laut Franziska Pankow von der FWTM sei es durchaus denkbar, das Netz eines Tages auch in den Supermärkten zu vertreiben. Ob das Netz angenommen werde, „steht und fällt mit den Marktbeschickern“, so Broglin. 50 Cent vom Verkaufspreis gehen an die Markleute. Die Einführung des Beutels bezeichnet er „als kleinen, aber logischen Schritt.“ Und Umweltbürgermeisterin Gerda Stuchlik sagt: „Die Freiburger bringen heute schon die verschiedensten Taschen und Beutel für den Gemüseeinkauf mit. Aber das ist uns noch nicht genug“.
Thomas Bonrath, Pressesprecher der Rewe Markt GmbH sagt, dass es noch ein weiter Weg sei, bis sich auch Supermarkt-Kunden von den liebgewonnenen Plastiktüten verabschieden. „Das Einkaufsverhalten von Menschen verändert sich nur langsam. Und viele Kunden schätzen den Hygienefaktor der dünnen Plastiktütchen.“ Schon vor Längerem hat Rewe als erste große Supermarktkette einen zum Marktsäckle vergleichbaren Knotenbeutel eingeführt. Doch längst nicht jeder Kunde nutzt das Angebot: „Aktuell würden wir uns wünschen, dass noch deutlich mehr Kunden Mehrwegfrischenetze zum Einkaufen mitbringen und nutzen.“ Die Idee aus Freiburg begrüßt er daher: „Je mehr Lebensmittelmärkte – oder Kommunen – solche Mehrwegalternativen anbieten und ’unters Volk bringen’, desto verbreiteter und akzeptierter werden diese“, sagt er.

Matthias Joers


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