„Söhne brauchen positive männliche Vorbilder“

Interview mit dem Autor Andreas Seltmann: Sein Neuseeland-Reisetagebuch ist ein Plädoyer dafür, dass Väter ihre Söhne ins Mannsein begleiten müssen

Der nahe Freiburg lebende Autor Andreas Seltmann ist als freier Berater, Businessmoderator und Dozent tätig. Als sein Sohn eine weiterführende Schule ohne Abschluss verlassen musste, nahm er sich eine Auszeit, um gemeinsam mit dem 17-Jährigen zu einer Vater-Sohn-Tour nach Neuseeland aufzubrechen. Es wurde ein einschneidendes Erlebnis für beide. Seltmann schrieb daraufhin das Buch „NeuseeSohnland“ (Sorriso Verlag, Besprechung auf Seite 14). Mit Sven Meyer sprach der Autor über den außergewöhnlichen Männer-Roadtrip.

Sind Sie eigentlich schon mit dem Ziel, ein Buch zu schreiben an die Reise rangegangen?

Andreas Seltmann: Ich hatte schon immer mal Lust, ein Buch zu schreiben. Ich hatte bis dato aber nie ein konkretes Thema vor Augen. Dann war es tatsächlich der Impuls während der Reise, auf der ich mit meinem Sohn vier Wochen lang zu zweit in Neuseeland unterwegs war. Da sind Vater-Sohn-Themen entstanden, bei denen ich große Lust verspürte, sie in die Welt zu bringen – weil ich glaube, dass ich mit diesen Themen nicht alleine bin.

Die Reise kam nur dadurch zustande, dass, wie Sie schreiben, ihr Sohn Tim, seine weiterführende Schule mit 17 ohne Abschluss verlassen musste. Auf den Schock und die Wut folgte das Glück oder?

Seltmann: Die Wut schlummert schon noch ein bisschen in mir, weil es einige Dinge gibt, die ich am Schulsystem kritisiere – auch eine gewisse Intoleranz und Überforderung, die ich hautnah durch Tims Fall miterlebt habe. Aber letztlich war es für uns ein Glück im Unglück. Das Ganze hat die Sicht meines Sohnes aufs Leben verändert. Und mir hat es auch die Möglichkeit gegeben, über das Vatersein, aber auch das Mannsein nochmal anders nachzudenken.

Hatten Sie vor Antritt der Reise erwartet, dass dieser Trip auch eine Selbstfindung werden wird?

Seltmann: Gehofft ja, aber nicht erwartet. Ich bin da ganz ergebnisoffen reingegangen. Ich glaube, er auch. Weil wir beide so mit offenen Herzen losgezogen sind und Lust aufs Reisen hatten, wurde es so toll.

Was war das Schlüsselerlebnis auf ihrer Tour?

Seltmann: Das erste Schlüsselerlebnis kam schon am zweiten Tag. Wir waren uns nicht bewusst, dass es in Neuseeland zum Zeitpunkt unserer Reise bereits um 18 Uhr dunkel wird. Wir hatten an dem Abend eine traumhafte Sicht auf einen See, im Hintergrund der Mount Cook. In meinem väterlichen Beschützerinstinkt hatte ich aber keinen Blick dafür, sondern in Anbetracht der nahenden Dunkelheit Druck gemacht – ich wollte rechtzeitig auf einen Campingplatz, habe vor lauter Hektik gar nicht die Schönheit gesehen. Da hat mein Sohn gesagt: Papa, lass uns einfach hierbleiben, hier darf man doch wild campen. Da hat es bei mir klick gemacht. Mir war klar, wenn wir jetzt nicht auf Augenhöhe entscheiden, dann kracht es. Also bog ich ab und wir schlugen unser Camp vor dieser Traumkulisse auf. Es war der geilste Abend ever.

Auf dieser Reise haben Sie – wie Sie berichten – die Leichtigkeit des Seins erlebt. Ihrem Sohn waren Sie ein Sparringspartner fürs Leben. Schließlich haben Sie sich entschieden ein „anwesender Vater“ zu sein. Was genau meinen Sie damit?

Seltmann: Ich habe vor kurzem im Väterreport 2018, herausgegeben vom Bundesministerium für Familie gelesen, dass sich 79 Prozent der Väter mehr Zeit für die Familie wünschen und dass 58 Prozent der Väter mindestens die Hälfte der Kinderbetreuung übernehmen wollen. Das Wünschen und Wollen ist das eine, das Tun das andere. Okay, auch ich war in manchen Lebensphasen ein echter Karrieretyp, der erstmal Wohlstand für die Familie erwirtschaften wollte, doch diese blieb dabei bisweilen in der zweiten Reihe stehen. Das Problem ist, dass viele Väter sich immer noch stark über den Erfolg im Beruf definieren. Inzwischen sehe ich aber, wieviel Gutes entsteht, wenn gute Männer mit ihren Söhnen zusammenkommen. An guten weiblichen Vorbildern mangelt es nicht, aber die Väter machen sich rar, dabei brauchen gerade die Söhne positive männliche Vorbilder, über die sie sich als Mann definieren. Das will ich für meinen Sohn sein.

Sie schreiben in Ihrem Buch viel vom Mannsein und von Männlichkeit. Das könnten manche Leser vielleicht in den falschen Hals bekommen und Sie als altmodischen Macho einstufen. Was ist für Sie Männlichkeit?

Seltmann: Wie gesagt, geht es mir dabei um die männlichen Vorbilder für unsere Söhne. Es gibt neben der weiblichen Sicht und Seite nun mal auch die männliche. Wie können sich Söhne sonst als Mann definieren? Es geht darum, die Vielfalt des Mann-Seins zu vermitteln, indem Väter ihre Söhne begleiten, gemeinsam etwas erleben, sich öffnen und Zugang zu sich gewähren. Wichtig ist: Ich plädiere nicht für ein Macho-Männerbild, sondern für ein gesamtheitliches. Dazu gehört die partnerschaftliche Seite genauso wie die stille und spirituelle Seite, die robuste Männlichkeit, aber auch die Bewahrung der Schöpfung und das Nutzen seines Wissens und seiner Talente. Gefühle zu zeigen ist für mich genauso wichtig wie gewaltfrei für den eigenen Standpunkt einzustehen. Genau dazu braucht es anwesende männliche Vorbilder, die zeigen wie das geht.

Haben Sie denn umgekehrt auch etwas von Ihrem Sohn gelernt?

Seltmann: Tatsächlich habe ich die Leichtigkeit wiedererlernt, einfach auch mal etwas zu tun, ohne Ängste und langes Abwägen. So ganz einfache Dinge, wie dieses: Lass uns doch einfach hierbleiben oder einfach nur aus Spaß den Kopf unter einen Wasserfall zu stecken. Über all die Jahre ist das bei mir abhandengekommen. Von meinem Sohn habe ich das wieder erlernt.

Nun kann sich nicht jeder eine Neuseeland-Reise leisten. Aber, wie Sie schreiben, kommt es wohl ohnehin eher auf das Reisen an sich an. Hätte eine Reise in den Harz oder den Bayerischen Wald denselben Effekt?

Seltmann: Absolut. Sich die Zeit zu nehmen, ins Gespräch kommen, gemeinsam etwas zu erleben und voneinander zu lernen, das meine ich mit anwesend. Das kann überall sein, auch bei der Bodensee-Radtour, es kann sogar der eine Tag im Schwarzwald sein. Es ist die Quality Time, die man zusammen auf Augenhöhe erlebt. Wo man die erlebt, ist egal. Wichtig ist nur, dass man sie sich nimmt – das ist mein Plädoyer.

Zurück