Zeit für eine Imagekorrektur

Abgehängter Stadtteil oder Ghetto? Die Bewohner Weingartens wollen Aufbruchstimmung

Das Image des Problemstadtteils haftet Weingarten seit Jahrzehnten an. Ein neues Debattenformat wollte herausfinden, ob Weingarten wirklich das Ghetto Freiburgs ist. Klar wurde dabei: Das wohl größte Problem sind die hartnäckigen Klischees. Die Veranstaltung am vergangenen Donnerstagabend in der Adolf-Reichwein Schule war die zweite öffentliche Aktion der Freiburger „Debatten-Arena“ – einer mit öffentlichen Geldern unterstützten Initiative, die das Ziel verfolgt, neben der hitzigen Diskussionskultur des Internets Gesprächsräume im realen Leben zu ermöglichen. Hitzig wurde es allerdings auch am Donnerstagabend – und das lag an dem mit Klischees spielenden Titel der Veranstaltung: „Ghetto Weingarten?! Abgehängter Stadtteil oder nicht?“
Die Moderatoren hatten kaum den geplanten Ablauf erläutert, als sich schon die ersten Anwohner empört zu Wort meldeten: Die überwiegende Mehrheit empfand den Ghetto-Begriff als Ärgernis und schlichtweg nicht zutreffend. „Tatsache ist, dass es bei vielen ein negatives Weingartenbild gibt, das durch einen solchen Titel bestätigt wird, doch wir sind in der Realität hier vor Ort schon lange weit weg davon“, erklärt Hermann Assies, Vorsitzender des Bürgervereins Weingarten.
Die Ghetto-Kultur begründe sich aus seiner Sicht auf dem Lebensstil einiger junger Leute, die wiederum eine kleine Minderheit bildeten. Genau diese Gruppierung fehlte an dem Abend. Dass aber auch sonst vorwiegend die ohnehin engagierten Bürger vor Ort waren, nicht aber der reale Querschnitt der Bevölkerung, lag laut Assies an dem „intellektuell-abstrakten“ Format der Veranstaltung. „Mit diesem Anspruch grenzt man von vorneherein eine große Gruppe aus.“
Ein Beispiel, wie die Realität wirklich aussieht, sei das Mehrgenerationen-Buffet: „Das zeigt wie bunt Weingarten ist und wie sehr es sich mischt. Da sitze ich nicht neben Migranten, sondern neben Nachbarn“, so Assies.
Dass im Stadtteil jedoch nicht alles rosig ist, zeigte die Debatte auch: Missstände, die vielen Bewohnern unter den Nägeln brennen, sind die Vermüllung des öffentlichen Raums, abwandernde Geschäfte, in die Jahre gekommene Infrastruktur und Bausubstanz sowie auch das Thema Integration. Einige Besucher schoben den schwarzen Peter der Stadt zu: Es gebe zu wenig Hilfe bei den bestehenden Problemen und auch das Image würde durch die Stadt nicht verbessert.
Dass es auch Integrationsprobleme gibt, streitet der Bürgervereinsvorsitzende Hermann Assies nicht ab. Es handele sich jedoch um Probleme, die es so überall in Freiburg gebe, in Weingarten nur etwas ausgeprägter. Doch genau aus diesem Grund existiere eine entsprechende soziale Infrastruktur und die funktioniere in der Regel „sehr gut“. Stadt und Bürgerschaft planen derzeit zudem ein neues Bürgerzentrum. „Abgehängt wären wir, wenn man uns im Rathaus nicht sehen würde, aber es gibt da ein gutes Miteinander. Wir wollen die Infrastruktur gemeinsam nach vorne bringen.“


Kommt ein Gymnasium?
Auch wenn sich die Mehrheit der Anwohner klar gegen eine „Ghettoisierung“ ausspricht, gab es im Laufe der Diskussion auch Stimmen, die den Begriff durchaus passend fanden. Eine Anwohnerin bekundete: „Ich finde den Titel gut, er ist zutreffend.“ Es gäbe in Weingarten viele Menschen, die in Armut lebten und sich nicht aus dieser befreien könnten.
Im Gespräch mit dem Wochenbericht erklärt Quartiersarbeiterin Alexandra Kobzew, sie habe den Eindruck, dass das Image von außen zu negativ sei und positive Entwicklungen überlagere: „Dafür dass es hier so viele verschiedene Kulturen gibt, funktioniert die Integration eigentlich sehr gut“, sagt sie. „Natürlich gibt es hier eine Menge Herausforderungen, aber gleichzeitig hat der Stadtteil eine sehr lebendige Diskussionskultur. Die Leute sind sehr engagiert und bestrebt, ihren Stadtteil mitzugestalten.“
Ideen, wie das Image Weingartens nach außen hin verbessert werden könne, wurden an dem Abend auch debattiert. Dabei kristallisierte sich die Forderung nach einem Gymnasium heraus. Dieses würde über den Stadtteil „hinausstrahlen“, da es die Jugendlichen stärker an den Stadtteil binden und zudem kulturelle Veranstaltungen ermöglichen würde. Unterstützt wird die Forderung von einer Bürgerinitiative. Die Entscheidung über die Standortvergabe liegt bei der Stadt, die ersten Signale sind positiv.


Felix Reimann


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