Zukunftskonzept gesucht

An vielen Stellen steuert die Innenstadt auf ihr Limit zu – Wie geht es weiter?

Die Freiburger Innenstadt ist für viele Touristen ein Magnet, für Nachtschwärmer das wichtigste Ausgehviertel und für Gastronomie und Einzelhändler ein Top-Standort. Doch wer im Zentrum zu Hause ist, dort lebt oder arbeitet, hat nicht nur den Vorteil kurzer Wege und eines urbanen Lebensgefühls, sondern lebt auch mit den negativen Folgen eines viel besuchten Stadtkerns. „Das Problem entsteht immer dann, wenn die Ressourcen erschöpft sind. Wenn es zu viel ist von etwas. Vielen ist das nicht bewusst“, sagt Henrike Beck, Vorstandsmitglied des Lokalvereins Innenstadt, die schon seit ihrer Kindheit in Freiburg lebt.
Handel und Tourismus sind zentrale Triebfedern des Wohlstands der Stadt und gehören zu ihrem Charakter. Dennoch hofft der Lokalverein auf ein städtisches Konzept, das um einen gesunden Ausgleich der Interessen bemüht ist: Wie auf dem Karlsplatz, der zum Knotenpunkt für Busladungen voller Tagestouristen geworden ist – inklusive exzessivem nächtlichen Dauerbetrieb und Müll am nächsten Morgen, über den die Frühaufsteher stolpern, wenn sie aus dem Haus gehen. „Die denken, hier wohnt niemand“, erklärt Vorstandskollege Gerhard Heiner, der selbst „Im Grün“ wohnt und das Problem am eigenen Leib zu spüren bekommt. „Die Stadtreinigung muss immer mehr leisten.“
Handlungsbedarf sieht der Verein bei der Verkehrsgestaltung, die alle Beteiligten und Interessengruppen gleichermaßen betrifft. Eine radikal autofreie Innenstadt sei weder praktikabel noch sinnvoll, Personen- und Warenverkehr müssten aber anders organisiert werden. „Man muss eine intelligente Kombination finden, Schwarz-Weiß-Denken wird nicht funktionieren“, so Heiner.

Mehr Sichtbarkeit
„Die Interessen müssen irgendwie ausgewogen sein“, sagt Beck und wünscht sich folglich mehr Verständnis und Sichtbarkeit für diejenigen, deren Interessen in der Masse untergehen. Das sind vor allem die Anwohner, aber auch die kleinen Gewerbetreibenden. Die Perspektive findet Anklang, die Mitgliederzahlen des Lokalvereins steigen stetig, und das obwohl – vielleicht aber auch weil – immer weniger Freiburger in der Innenstadt leben und arbeiten: Der unbezahlbare Wohnraum wird lukrativer an Touristen vermietet, Gewerbemieten können zunehmend nur noch von den Großen aufgebracht werden. Darunter leidet die lokale Vielfalt.
In Initiativen wie dem Lokalverein Innenstadt nutzen die Bürger die Möglichkeit der Mitsprache bei der Gestaltung ihres Lebensraums. Hierzu zählt beispielsweise eine bessere Steuerung der Touristenströme. „Es steht für den Lokalverein außer Frage, dass man einen Tourismus wie in Venedig, Barcelona, Amsterdam eben nicht will“, so Heiner. Es sei aber auch „eine große Herausforderung, das zu steuern“, fügt Beck hinzu. Auch zum Thema Wohnen gibt es konkrete Ideen: Im „Europaeck“ gegenüber dem Hauptbahnhof scheint der Lokalverein sich durchgesetzt zu haben: Auf Drängen ist bei der Neugestaltung Wohnraum eingeplant worden.
Auf der öffentlichen Mitgliederversammlung am kommenden Dienstag, 22. Oktober (19 Uhr; Kooperatur am Münsterplatz, rechts neben der Alten Wache) werden künftige Projekte vorgestellt, es wird aber auch zur regen Teilnahme aufgefordert: „Wir wollen hören, wo der Schuh drückt“, so Heiner. Die Komplexität der Innenstadt betrifft alle, die darin leben und wirken. Kürzlich fanden sich alle Akteure erstmalig an einem runden Tisch zusammen – Gewerbetreibende, Bewohner, Gastronomen, Immobilienbesitzer. „Wir haben festgestellt, dass unsere Schnittmengen enorm sind Eigentlich wollen wir alle das gleiche: eine gute, lebenswerte, lebensfähige Innenstadt“, resümiert Henrike Beck, und fordert von der Stadtverwaltung, was auf bürgerlicher Ebene bereits entsteht: Visionen und konkrete Pläne.

Anna Henschel

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