Der 101-Jährige vom Schwabentor

In Freiburg machte Andreas Müller mit Zinnfiguren Geschichte erlebbar – am Samstag feiert er seinen Geburtstag

Fein drapiert stehen sie da, die Zinnfiguren, die längst zu einem Teil in Andreas Müllers langem Leben geworden sind. „Nicht an den Tisch stoßen, sonst fallen sie um“, sagt der gebürtige Westfale. Der 101-Jährige hat die filigranen Figuren eigens für den Besuch aufgestellt. Sie zeigen badische Revolutionäre von 1848. 20 Jahre lang, von 1988 bis 2008, war Müller für die bildgewaltigen Dioramen der Zinnfigurenklause im Schwabentor verantwortlich. Die ehrenamtliche Tätigkeit übernahm er damals als 71-Jähriger vom Gründer der Klause, Andreas Lehmann. Am Samstag feiert Müller im Elztal seinen 102. Geburtstag. Zu seinen Gästen gehören Vertreter der Stadt, die ihm einst halfen aus der maroden Klause das schmucke Museum von heute zu machen. „Dafür bin ich ihnen sehr dankbar“, sagt er.
Auch im hohen Alter besitzt er noch die Gabe mitreißend zu erzählen. Wenn er seine Stimme zum historischen Exkurs anhebt, fügt er hie und da eine Kunstpause ein – auch wenn die des Alters wegen etwas länger ausfällt. Seinen Alltag bewältigt er weitgehend allein. Auch die Einladung zu seinem Geburtstag hat er selbst entworfen – natürlich am PC.


Müller war selbst Soldat
Unzählige Besucher entführte er in die Schlachtengemälde der deutschen Freiheitsbewegungen. Das figurenreichste Diorama mit 1.150 Zinnfiguren stellt die Sempach-Schlacht von 1386 nach. Müller war selbst als Soldat im Zweiten Weltkrieg in Russland stationiert und überlebte 1941/42 den verlustreichen Rückzug der Wehrmacht. Danach war er für ein Jahr freigestellt - bis ein Einberufungsbefehl der SS kam. Dem erneuten Fronteinsatz entging der dreifache Vater nur, weil er sich freiwillig bei der Wehrmacht meldete und nach Österreich verlegt wurde. Mit seiner Truppe verschlug es ihn an den Pyhrner Pass, südlich von Linz. „Was ich da gesehen habe“, sagt Müller, „rechts und links das Hochgebirge und unten das ganze Tal voller Soldaten – ungarische, rumänische, deutsche Soldaten.“ Hier erlebte er das Kriegsende. Noch immer verspürt er Dankbarkeit für den Leutnant aus Frankfurt, der die Soldaten am Vorabend des Kriegsendes in Bahnwaggons versteckte und am 8. Mai 1945 auf einen Bauernhof führte, wo sich die Truppe einem amerikanischen Panzer-Kommandaten ergab. „Es ist aus. Wir kämpfen nicht mehr“, habe der Leutnant gesagt, so Müller. Die große Masse an Soldaten in dem Tal habe ihn stutzig gemacht. „Die haben uns wahrscheinlich da zusammengeführt, um uns an die Alliierten zu übergeben“, mutmaßt er. In der US-Kommandantur sah Müller dann zum ersten Mal in seinem Leben schwarze Menschen, amerikanische GIs, die vor den Augen der uniformierten Deutschen ein Duschbad nahmen. „Dieses Bild werde ich nie vergessen. Man ermahnte uns, nicht zu lachen. Aber für uns war das etwas völlig Neues“, erzählt Müller.
Wohl auch weil er selbst den Krieg erlebt hat, sieht er in den Zinnfiguren nicht bloß die metallenen Kunstwerke. „Der Geist der Freiheit ist die Festung des Volkes“, sagt Müller. Im sei es aber auch darum gegangen, mit den Erzählungen von der unblutigen Badischen Revolution dem dunklen Kapitel des Dritten Reichs ein positives Kapitel deutscher Geschichte entgegenzusetzen. „Ich habe nichts dagegen, wenn die Verbrecher des Zweiten Weltkrieges angeklagt und verurteilt werden. Was da geschehen ist, ist nicht zu verzeihen. Aber man darf die andere Geschichte deswegen nicht vergessen“, sagt Müller, der sich bei allen bedanken möchte, die ihn in seinem Freiburger Lebensabschnitt unterstützt haben.

Matthias Joers

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