Der Druck liegt bei Dortmund

Der Überraschungsdritte aus Freiburg empfängt den Vizemeister – unter völlig verkehrten Vorzeichen

Verkehrte Welt am siebten Spieltag: Der SC Freiburg empfängt Borussia Dortmund zum Heimspiel am Samstag (15.30 Uhr/Sky) und steht in der Tabelle klar vor dem BVB. Die Gefühlswelten könnten in beiden Klubs kaum unterschiedlicher sein. In Dortmund scheint sogar eine Trainerdiskussion ins Rollen zu kommen.Die Tabelle, das verflixte Ding aus Zahlen und Vereinsnamen, sorgt mancherorts für gehörige Bauchschmerzen. Während der Freiburger Verteidiger Dominique Heintz laut „Kicker“ ab und an einen Blick riskiert („Ich schaue gerne auf die Tabelle“), erspart sich SC-Trainer Christian Streich das Ganze lieber. Wichtig werde all das erst nach dem 34. und letzten Spieltag, sagt er dann.


Wer steht in der Startelf?
Vom Griff zur Bauchschmerzen-lindenden Wärmeflasche ist man beim SC jedoch weit entfernt: Aktuell sieht die Tabelle in Sachen Freiburg ganz hervorragend aus. In einer gewissen Hinsicht sogar für Christian Streich, wie er sagt: „Man sieht, wir sind vom Drittletzten ein paar Punkte weg. Das ist das, was relevant ist in Freiburg.“ Christian Streich sagt deshalb auch: „Ich bin wahnsinnig glücklich.“
In Dortmund dagegen, dem kommenden SC-Gegner, haben sich tabellarische Glücksgefühle derweil noch nicht eingestellt. Von Unruhe ist zu lesen. Laut dem Kicker sei BVB-Trainer Lucien Favre längst nicht mehr unantastbar beim Vorjahreszweiten. Die Dortmunder Bosse dementierten am Dienstag aber das Gerücht, wonach intern bereits über Favre diskutiert werde.
Der frühere Torhüter Roman Bürki, der immer noch in den höchsten Tönen von seiner Freiburger Zeit spricht, sah sich am vergangenen Wochenende (der BVB spielte nur 2:2 gegen Bremen) einmal mehr zum verbalen Warnschuss veranlasst. Schon in der Vorsaison mauserte sich Bürki zum Mann für klare Worte, sobald beim BVB die Leistung auf dem Platz nicht stimmte. „Wir spielen nicht wie Männer. Wir müssen konsequenter dahingehen, wo es wehtut“, sagt der 28-jährige Vieltätowierte nun, der in Freiburg (2014-2015) den Sprung von der Schweiz in die erste Bundesliga schaffte.
Damit dürfte klar sein, was Freiburg am Samstag im Heimspiel erwartet. Während beim SC gilt: vieles kann, nichts muss, haben die Dortmunder eine gehörige Ladung Druck im Reisegepäck. Dementsprechend fuchsig dürften die Borussen im Schwarzwaldstadion auflaufen. Immerhin: Die SC-Heimat liegt dem BVB traditionell gut liegt (11 Siege – Freiburg: 3 Siege).
In Dortmund diskutiert man also über Mentalitätsfragen, in Freiburg dagegen ist die größte Frage die nach der Startaufstellung. „Ich möchte nicht in der Haut des Trainers stecken“, sagte Heintz kürzlich. Beim 2:1 in Düsseldorf, das laut Streich ein „extrem enges Spiel“ war, präsentierte sich die Mannschaft vor allem defensiv gut. Die Offensive um Nils Petersen und Lucas Höler, der einen Elfmeter verschoss, blieb dagegen lange blass. Erst mit der Einwechslung von Luca Waldschmidt und Vincenzo Grifo kam mehr Zug ins Offensivspiel. Waldschmidts Siegtor war obendrein sehr sehenswert. Gut möglich, dass der 23-Jährige, der zuletzt nur auf der Bank saß, bald wieder von Anfang eine Chance bekommt. Auf das Training der Freiburger jedenfalls scheint sich die gute Personallage der Freiburger derzeit spürbar auszuwirken. Die Spieler pushen sich gegenseitig, und machen es den Trainern so schwer wie lange nicht mehr, die richtige Personalwahl zu treffen.
Der letzte Freiburger Heimsieg gegen die Dortmunder Borussen liegt jedenfalls eine Weile zurück: Am 8. Mai 2010 setzte sich der SC mit 3:1 durch. Und selbst ein Unentschieden, wie zuletzt im September 2017, würde die jetzigen Gefühlswelten der beiden Klubs eher noch zementieren: hier die Unruhe in Dortmund, dort die Ruhe in Freiburg.

Matthias Joers


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