Die Wundertüte

Der EHC startet in die neue Saison – und alles scheint möglich

Der EHC Freiburg startet in seine fünfte Saison seit dem Wiederaufstieg in die zweithöchste deutsche Eishockeyspielklasse (DEL2) – und gilt als Wundertüte der Liga. Ziel der Wölfe ist es, sich zu einem ernstzunehmenden Konkurrenten zu mausern. Dafür haben sie viel investiert. Mit neuer Mannschaft, neuer sportlicher Leitung und neuem Trainer geht es am Freitag ins erste Punktspiel aufs Eis.Endlich wird es wieder kalt im Freiburger Westen. Endlich werden wieder die Kufen geschliffen, die Schläger getapet und die Helme aufgesetzt, denn die DEL-2-Saison 2019/20 beginnt. Für den EHC Freiburg steht am Freitagabend das erste Spiel der neuen Runde an. In der Saisonvorbereitung testete das Wolfsrudel gegen Mannschaften aus Frankreich, der Schweiz, Schottland und Kanada sowie einen DEL2-Konkurrenten. Was offensichtlich wurde: Vieles ist neu bei den Wölfen, auf wie neben dem Eis. Sportlich läuft noch nicht alles wie erhofft, die Ansätze stimmen allerdings.
Das Budget beim EHC (zuvor rund 1,3 Millionen Euro pro Jahr) wurde um gut 20 Prozent erhöht – das hatte Klubpräsident Michael Müller jüngst verraten. Neue Sponsoren wurden gewonnen, die Zusammenarbeit mit bestehenden Unterstützern intensiviert. Eine neue Beleuchtungsanlage sorgt in der altehrwürdigen Franz-Siegel-Halle seit diesem Sommer für beste Sicht. Und einen neuen Namen (siehe Seite 13) bekommt die Halle ebenfalls spendiert. Der Löwenanteil des Kapitals schlägt sich jedoch in der Zusammenstellung des Kaders und der Besetzung der Trainerposition nieder.
Hier wurde im Schotten Peter Russell der Coach der britischen Nationalmannschaft ins Boot geholt. Russell, der zuvor den britischen Erstligisten Glasgow Clan trainierte, hat die Auswahl von der Insel seit seinem Amtsantritt von der Drittklassigkeit in den elitären Kreis der besten 16 Mannschaften der Welt geführt. „Freiburg ist ein Standort mit extrem viel Potenzial“, glaubt der Trainer, der eine neue Philosophie an der Ensisheimer Straße etablieren möchte. Mit defensivem, physischem Eishockey möchte er Gegnern zusetzen und mit schnellem, geradlinigem Konterspiel für Torgefahr sorgen. Dabei dürfe auch der Spaß nicht zu kurz kommen. „Ich glaube, wenn man etwas wirklich gut machen will, muss man Spaß an dem haben, was man tut“, so der 45-Jährige. Russell ist laut, dirigiert seine Mannschaft von hinter der Bande und kann ein Motivator für junge Spieler sein, denen er auch beim EHC viel Vertrauen schenken möchte. Unterstützt wird die junge Mannschaft von EHC-Urgesteinen wie Topscorer Niko Linsenmaier oder Verteidiger Alexander Brückmann sowie vielversprechenden Importspielern.Gleich beim ersten Saisonspiel treten die Wölfe die weiteste Reise der Spielzeit an. Fast 800 Kilometer weit fahren die Breisgauer im neu gestalteten Mannschaftsbus zu den Lausitzer Füchsen nach Weißwasser. Die Füchse waren die Überraschungsmannschaft der vorangegangenen Saison und werden ein erster echter Prüfstein für die junge Truppe werden. Auch das erste Heimspiel der Saison hat es gleich in sich, wenn der amtierende DEL-2-Meister aus Ravensburg zum Derby in Freiburg gastiert. Neben den Löwen Frankfurt sind die Towerstars wieder heißester Anwärter auf die Meisterschaft. Bis der Champion der zweithöchsten deutschen Eishockeyspielklasse allerdings wieder in die erstklassige DEL aufsteigen kann dauert es jedoch noch ein weiteres Jahr. Negativ formuliert geht es in der kommenden Spielzeit also ein letztes Mal um die goldene Ananas. Dennoch werden alle 14 DEL-2-Mannschaften alles daran setzen, sich für die Playoffs zu qualifizieren und an deren Ende als Meister in die Sommerpause zu gehen.
Die Erfolgsaussichten sind dabei durchaus unterschiedlich – und realistischerweise muss man konstatieren, dass die Freiburger wohl nichts mit dem Titelrennen zu tun haben werden. Prognosen abzugeben ist schwer, denn die Mannschaft ist zu großen Teilen neu zusammengestellt und gegen einen DEL-2-Konkurrenten gab es erst einen Test: Zum Abschluss der Saisonvorbereitung gewann der EHC gegen den EC Bad Nauheim mit 5:4. Doch einen Wunsch für die Saison hat Wölfe-Kapitän Philip Rießle bereits geäußert. „Es wäre schön, wenn wir mal nichts mit den Playdowns zu tun hätten“, meint der Leitwolf, der sich nur zu gut an die vergangenen vier Saisons erinnert, in denen die Breisgauer dreimal in der Abstiegsrunde um den Ligaverbleib zittern mussten. „Das macht keinen Spaß, darum wollen wir unbedingt unter die ersten Zehn kommen – hoffentlich mehr, als die anderen Mannschaften.“
Für Rießle hat die Playoff-Teilnahme einen ganz eigenen Reiz, denn in der Saison 2016/17, als die Freiburger Platz sieben erreichten und erstmals nach dem Aufstieg in die DEL2 in den Playoffs spielten, erlitt der Verteidiger unmittelbar vor der Endrunde einen doppelten Kieferbruch und musste diese von der Tribüne aus verfolgen. Das soll sich in diesem Jahr ändern. Dazu beitragen wird auch die neue Nummer eins im Wölfe-Tor, Ben Meisner. Der Keeper kam vom Ligakonkurrenten Bad Tölz nach Freiburg. Schon dort bewies er in den zurückliegenden Playdowns gegen die Wölfe seine Klasse. In der Saisonvorbereitung zeigte der 29-jährige Deutsch-Kanadier erneut hervorragende Paraden. „Ben ist ein überragender Torhüter“, meint auch Kapitän Rießle. Hinter Meisner wird es allerdings dünn, denn hier warten als Backup die beiden unerfahrenen Nachwuchs-Goalies Leon Meder (20 Jahre) und Louis Benzing (19), die sich auf DEL-2-Niveau noch beweisen müssen.
Die Zusc hauer erwartet in der neuen EHC-Mannschaft also eine Wundertüte mit jeder Menge Potenzial. Wie sich die Truppe schlägt zeigt sich ab Freitag (19.30 Uhr) bei den Lausitzer Füchsen und am Sonntag (18.30 Uhr) beim ersten Heimspiel gegen Ravensburg.

Benjamin Resetz

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