Helden am Bahngleis

Gleisschubser-Prozess: Wie ein Verbrechensopfer in Freiburg erstmals seine Lebensretter traf

Heinrich M. (75, Name geändert) hat nur wenig Erinnerungen an den 24. Juli 2017. Er stand am Bahnsteig, ganz für sich, berichtet der Mann im Zeugenstand des Freiburger Landgerichts. Aufgefallen sei ihm „eine sehr, sehr schmutzige Person“. Dann sei da „ein heftiger Stoß in den Rücken“ gewesen. Und was danach war, wisse er nicht mehr. Die Notoperation, bei der sein gebrochenes Becken zusammengeflickt wurde, die Verletzungen am Kopf, der Verdacht auf innere Verletzungen. Alles weg. Seit dem Vorfall sei er „ein Schatten meiner selbst“. Auch seine Retter blieben ihm unbekannt – bis zum vergangenen Freitag, zwei Jahre, nachdem er in Düsseldorf-Unterrath auf die Gleise der S-Bahn gestoßen worden war. Vor dem Landgericht traf er die zwei jungen Männer aus Eritrea, die ihm das Leben gerettet, aber aus ihrem Heldenmut kein Aufhebens gemacht hatten.


Er hatte Wahnvorstellungen
Der Düsseldorfer ist nur einer von zig Geschädigten des Angeklagten Mike V. (50, Name geändert). Dieser steht seit einer Woche wegen rund 50 Delikten aus den Jahren 2015 bis 2017 in Freiburg vor Gericht. Das Ziel der Staatsanwaltschaft ist seine dauerhafte Unterbringung in der Psychiatrie. Denn Mike V. ist schizophren. Er leidet immer wieder unter Wahnvorstellungen und ist überzeugt, ein buddhistischer Tulku zu sein, ein wiedergeborener Lehrmeister.
Zig Zechprellereien in und um Freiburg, wo er seit den Neunzigern lebt, geschnorrte Taxifahrten ins Bordell, Diebstahl, Betrug, Exhibitionismus, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, eine Würgeattacke auf einen Mithäftling und ein Angriff mit dem PKW auf das Auto eines anderen Mannes, weil dieser ihm keine Zigarette geben wollte, listet die Anklage unter anderem gegen den Mann auf. Die Zechprellereien und Taxifahrten gibt er zu. Zu den schwereren Tatvorwürfen hat er meist „eine andere Sichtweise“, so sein Anwalt. Der Angriff auf dem Bahngleis zum Beispiel? Der sei „ein Reflex“ gewesen, da V. befürchtet habe, der Rentner Heinrich M. könne ihm auf den Fuß treten.
An dem Tag, als er in Düsseldorf M. völlig unvermittelt vom Bahnsteig stieß, war Mike V. überzeugt, im Atomkrieg und „im Neandertaler-Status“ zu leben. Zuvor hatte er eigenmächtig die Medikamente gegen seine Wahnideen abgesetzt. Mittlerweile, so Mike V., wisse er, dass es ihm mit den Medikamenten besser gehe . Der Vorfall in Düsseldorf „tut ihm unendlich leid“, so Verteidiger Björn Seelbach aus Bonn. Die Entschuldigung, die er im Namen seines Mandanten anbietet, will M. aber nicht annehmen: Zu sehr prägt der Stoß vom Bahnsteig heute noch sein Leben.
Dass M. überhaupt noch am Leben ist, hat er in erster Linie Thomas K. (31) und Eremias K. (25) zu verdanken: Die beiden jungen Männer, die seit ihrer Jugend in Deutschland leben und aus Eritrea in Afrika hierher geflüchtet sind, hatten am 24. Juli 2017 nicht viel Zeit nachzudenken: „Wir mussten schnell entscheiden“, sagt Student Eremias K., der in Münster/Westfalen lebt. Hilfe hatten sie von einem bis heute unbekannt gebliebenen dritten Retter, der aussah „wie ein Syrer oder ein Afghane“ erzählt Thomas K., ein gelernter Drucker, der in Ulm lebt. Zu dritt sprangen sie ins Gleisbett, wo es den beiden zierlichen jungen Männern noch vor dem Eintreffen der verspäteten S-Bahn gelang, den schwer verletzten, nahezu bewusstlosen Heinrich M. zurück auf den Bahnsteig zu heben. Eine Zeugin alarmierte die Rettungskräfte. Und Eremias K. machte mit dem Handy ein Foto des mutmaßlichen Angreifers Mike V., das er später der Polizei zeigte.
Heinrich M. kannte all diese Details nicht. Das Zusammentreffen mit seinen beiden jungen afrikanischen Rettern war für beide Seiten ein bewegender Moment. Und als Heinrich M. am Ende des Verhandlungstags nicht so recht wusste, wie er nun zum Freiburger Hauptbahnhof gelangen sollte, nahmen ihn Eremias K. und Thomas K. ein weiteres Mal in die Mitte und marschierten zusammen mit ihm los. Ein Foto für die Presse? Lieber nicht, so Thomas K., der meinte, es sei besser „ein anonymer Held als ein bekannter Held“ zu sein. Der Prozess gegen Mike V. soll noch bis Mitte Oktober dauern.

Bernd Peters

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