Kriselnde Wälder

Was das Extremwetter für den Schwarzwald bedeutet

Die Angst um den deutschen Wald ist auf einmal wieder allgegenwärtig. Auch in und um Freiburg setzt der Trockenstress dem Wald sichtbar zu. Die Herausforderung für die Forstwirtschaft ist groß, bietet aber auch Chancen: Die Zukunft könnte artenreicher und bunter werden. „Es war einmal der deutsche Wald“ – so titelte vor einigen Tagen Deutschlands größte Boulevardzeitung. Kaum weniger dramatisch wird das Thema „Waldsterben“ auch in anderen Medien diskutiert. Wer mit offenen Augen durch die Wälder um Freiburg geht, erkennt, was die Stunde geschlagen hat: Vom Rosskopf beispielsweise blickt man auf viele kranke Wipfel, die Bäume verbraunen. „Die Lage des Waldes ist im Moment wirklich sehr prekär. Es stehen ungewöhnlich viele tote und absterbende Bäume in unseren Wäldern“, erklärt Ulrich Kohnle von der Forstwirtschaftlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Freiburg. Die Wissenschaft ist sich einig: Heiße und trockene Sommer bekommen dem Wald auf Dauer nicht.
Am härtesten betroffen sind Fichte und Tanne – sie gelten als die Klimaverlierer Nummer eins. An trockenen Südlagen wie etwa am Schönberg weisen jedoch auch Buchenbestände erhebliche Schäden auf. Sollte es – wie prognostiziert – tatsächlich dauerhaft wärmer werden, würden uns Hitzewellen vermutlich öfter heimsuchen. Ob diese so extrem werden würden wie in diesem und dem letzten Jahr sei dabei unerheblich, die Wälder stünden unter Dauerstress, so Forstwissenschaftler Kohnle.
Geschwächte Bäume sind ein gefundes Fressen für den Borkenkäfer. Eine derat starke Population des Schädlings gab es erst ganz selten in Deutschland. „Das eigentliche Problem ist das Jahr 2018. Der Wald hätte jetzt eigentlich ein kühleres Jahr mit überdurchschnittlicher Wasserversorgung gebraucht. Das Gegenteil ist der Fall: Wir hatten schon drei Hitzewellen und deutlich zu wenig Niederschlag“, resümiert Kohnle.


Rechtzeitig reagieren
Im Freiburger Stadtwald hat man reagiert. Befallene Bäume wurden massiv gefällt und abtransportiert. „Wir sind eigentlich permanent dran. Die Situation ist sehr ernst“, erklärt Andreas Schäfer vom städtischen Forstamt. Das Hauptproblem seien Bäume, die bereits aus dem Sommer 2018 vorgeschädigt sind. „Der Winter war zu mild und jetzt ist es zu trocken. Ein gesunder Baum würde das problemlos wegstecken“, so Schäfer. Doch durch das fehlende Wasser haben die Bäume kaum Harzdruck und somit gegen die unter der Rinde nistenden Borkenkäfer kaum Widerstandkraft. Das Hauptaugenmerk der Forstamtsmitarbeiter liegt auf dem „Abernten“ der frisch befallenen Bäume. „Wenn wir den Käfern nicht den Brutraum entziehen, kommt es zu einer Massenvermehrung“, so Weber.
Eine besonders drastische Warnung kam dieser Tage von Baden-Württembergs Forstminister Peter Hauk (CDU): Der Wald drohe sich in Teilen aufzulösen, erklärte er vergangene Woche. Ulrich Kohnle malt nicht ganz so schwarz: „Ob sich die Wälder wirklich auflösen, da hätte ich meine Zweifel. Sicher gibt es Bestände, die schwer geschädigt sind. Aber wir werden diese Fläche nicht als Wald verlieren. Es wird sich in Zukunft aber erheblich etwas verändern. Auf Dauer muss der Wald vermutlich umgebaut werden“, erläutert er.
Infolge der jüngsten Wetterkrise werden größere Flächen entstehen. Dort gilt es für die Forstbetreiber, junge Wälder weiterzuentwickeln oder neu anzulegen. Die Frage ist: Sind die natürlich nachwachsenden Wälder auch zukunftsfähig? Klar ist, dass Fichten oder Tannen in niedrigeren oder besonders trockenen Lagen – wie etwa dem Sternwald oder an Südhängen – kaum noch geeignet sind. „Wenn ein Waldbesitzer Nadelbäume will, sollte er an solchen Standorten zur Douglasie greifen. Wer lieber Laubbäume pflanzen möchte, wird Eichen und Buchen dazu mischen“, sagt Kohnle. Der Wissenschaftler ist davon überzeugt, dass krisenfestere Wälder höhere Laubbaumanteile brauchen. „Man sollte dabei nicht von vornherein gebietsfremde Baumarten ausschließen“, fordert er. Einige Baumarten, die besser mit Trockenheit und Hitze zurechtkommen, findet man in Nordamerika: Douglasie, Roteiche oder Zuckerahorn. Letztere beiden haben den Nebeneffekt, dass ihr Laub im Herbst farbenfroh leuchtet – man kennt das aus dem Indian Summer. Sicher ist: Der Wald wird sich verändern, aber er wird nicht verschwinden.

Sven Meyer


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