Pöbeleien vor Gericht

Zäher Beginn beim Mammutprozess um Freiburger Gruppenvergewaltigung am Hans-Bunte-Areal

Zwei pöbelnde Angeklagte, Verdächtige mit Sucht-Historie und eine schimpfende Verteidigerin: Die ersten beiden Prozesstage im Fall der mutmaßlichen Gruppenvergewaltigung am Hans-Bunte-Areal förderten kaum Neues zutage. Lediglich Timo P. (26), der einzige Deutsche unter den elf Verdächtigen, möchte aussagen.Zweimal schon haben sich an diesen beiden Tagen zwei der Angeklagten im Gerichtssaal daneben benommen. Der aus Algerien stammende Mohamed H. (19) hat Journalisten mit dem „Stinkefinger“ und lauten arabischen Flüchen bedacht, weil er nicht fotografiert werden wollte. Der zweite fauchte am Montag Staatsanwalt Rainer Schmid an: Die Anschuldigungen, die „diese Frau“ gemacht habe, seien falsch, das wisse man ja.


Richter rügt Drohmails an die Pflichtverteidiger
Damit meinte er wohl die Nebenklägerin, die junge Frau also, die am 14. Oktober 2018 in einem Wäldchen nahe des Hans-Bunte-Areals Opfer der Gruppenvergewaltigung geworden sein soll. An der Glaubwürdigkeit der Frau hatten mehrere Verteidiger zu Verfahrensbeginn zu rütteln versucht. Allen voran die Freiburger Anwältin Kerstin Oetjen. Sie vertritt den Angeklagten Alaa Al M. (23), der der jungen Frau in der Tatnacht Ecstasy verkauft haben und sie dann ebenfalls vergewaltigt haben soll.
Oetjen kritisierte am ersten Verhandlungstag auch die ihrer Meinung nach vorurteilsbehaftet berichtende Presse und warnte vor einer Vorverurteilung der Angeklagten. Oetjens Worte blieben offenbar nicht folgenlos. Wie am Montag bekannt wurde, sollen sie und Verteidiger Jörg Ritzel, der Anwalt des Hauptangeklagten Majd H. (22), Beleidigungen bis hin zur Morddrohung erhalten haben, nur aus dem Grund, weil sie als Pflichtverteidiger die Angeklagten verteidigen. Diese Drohmails wiederum veranlassten Richter Stephan Bürgelin zu einer öffentlichen Rüge: Jeder habe ein Recht auf Verteidigung: „Wir leben in einem Rechtsstaat. Eigentlich schade, dass man das betonen muss“, sagte Bürgelin in Saal IV des Landgerichts.
Die vier Angeklagten, die am Montag zu Wort kamen, waren Timo P., Muhanad M. (21), Kosay Al. M. (24) und Yahia H. (19). Alle berichteten über ihre Drogenkarrieren und ihr Leben: Timo P. wuchs als Kind drogenabhängiger Eltern zum Teil in unterschiedlichen Heimen auf und fing mit zwölf an zu kiffen. Mit 19 saß er erstmals im Gefängnis. Nun will er seine Verlobte heiraten „und Kinder machen und ohne Drogen und Straftaten“ leben, wenn der Prozess vorbei ist. Muhanad M., der dem Opfer in der Tatnacht am Ende geholfen haben will, wurde im Februar 2018 zu einer Bewährungsstrafe unter anderem wegen Drogendelikten verurteilt. Kosay Al M. bekam nach seiner Flucht aus Syrien ebenfalls Probleme mit Drogen. Im Gefängnis nahm er stark ab und gilt als suizidgefährdet. Yahia H. schließlich habe eine deutsche Freundin, die er heiraten will. Schuld an seinem Drogenproblem seien „schlechte Kollegen“.
Am ersten Prozesstag vor einer Woche hatten auch Ahmed Al H. (21), der Iraker Mustafa I. (23) und der 31 Jahre alte jesidische Kurde Jekar D. zu ihrem Leben ausgesagt: H. berichtete, dass er 2015 von seiner Familie nach Deutschland geschickt wurde, um dem IS-Terror zu entkommen. Auch er geriet vielfach mit dem Gesetz in Konflikt, unter anderem wegen Drogen und Hehlerei. I. erzählte, er habe in seiner Heimat als KfZ-Mechatroniker gearbeitet. D. sagte, er war als Hilfskoch tätig, habe eine deutsche Freundin und keinen Schulabschluss.
Die elf Angeklagten sollen die 18 Jahre alte Frau in der Nacht zum 14. Oktober 2018 in einem Wäldchen nahe einer Disco im Industriegebiet Nord vergewaltigt haben. Vor der Tat hatte sie mit einer Freundin im Club gefeiert, wo Alaa Al M. den beiden zwei Ecstasy-Pillen verkauft haben soll. Majd H. soll der Frau zudem ein Getränk – möglicherweise mit K.O. Tropfen – spendiert haben. Anschließend sei sie mit ihm in das Wäldchen gegangen, wo Majd. H. über sie hergefallen sei und sie vergewaltigt habe. Anderen Verdächtigen habe er dann gesagt, dass eine Frau im Gebüsch liege, „die man fi**en kann“, so die Anklage. Das Martyrium der nahezu bewusstlosen Frau soll über zweieinhalb Stunden angedauert haben.
Die Verhandlung begann schon zweimal mit Verspätung, da nicht alle Gefangenen rechtzeitig aus den unterschiedlichen Haftanstalten eintrafen. Der Prozess ist eine enorme logistische Herausforderung. Weiter geht es am Montag, 8. Juli mit der Vernehmung der verbleibenden vier Angeklagten, darunter ist der mutmaßliche Haupttäter Majd H.

Bernd Peters


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