„Ich hätte mich auch bereichern können“

Interview mit Nikolaus Freiherr von Gayling-Westphal über die Übergabe historischer Adelsdokumente an das Landesarchiv

Über Jahrzehnte hat Nikolaus Freiherr von Gayling-Westphal Urkunden, historische Akten und ganze Archive adeliger Familien zum Oberrheinischen Adelsarchiv zusammengetragen und nun feierlich an das Landesarchiv Baden-Württemberg übergeben. Es birgt Schätze vom Frühmittelalter bis ins 20. Jahrhundert. Im Interview mit Benjamin Resetz spricht von Gayling über sein Lebenswerk und die Intention hinter der Übergabe.

Herr von Gayling, woher kam die Intention, Ihre gesammelten Adelsdokumente dem Landesarchiv zu überlassen?

Von Gayling: 40 Jahre lang habe ich mit Hilfe eines eigenen Archivverwalters die Stücke zusammengetragen und archiviert. Nun konnte ich das nicht mehr bewältigen. Immer wieder kamen Anfragen, Einsicht in einzelne Stücke zu erhalten. Die mussten teilweise lange warten. Das darf jetzt der Staat machen. Zugänglich waren die Stücke immer. Nun allerdings unter staatlicher Regelung. Ich hätte mich über private Verkäufe und Versteigerungen, gerade der Gemälde, auch bereichern können, aber das war nicht das, was ich mit den Werken schaffen wollte.

Was hat Sie dazu veranlasst, die entsprechenden Dokumente über so viele Jahrzehnte zu sammeln und zu archivieren?

Von Gayling: Nun, in der Familie haben wir schon immer alles aufgehoben, aber das war in all diesen Häusern üblich. Es ist also nicht meine persönliche Sammlung, sondern die Sammlung meiner Vorfahren. Ich selbst habe das Archiv nur erneuert und weitergeführt. Es war also nicht direkt aus Eigeninitiative, sondern traditionsbehaftet.

Am Freitag wurden die Stücke nun bei einem symbolischen Festakt übergeben. Welchen ideellen Wert hatte dieser für Sie?

Von Gayling: Bis vor etwa 20 Jahren gab es eine strikte Weigerung aller südbadischen Adelsfamilien, ihre Archive dem Staat zugänglich zu machen, aus Angst enteignet zu werden. Ich und einige andere wollten das Verhältnis mit dem Staat wieder einrenken, denn ein guter Staat sollte auch das Recht haben, sich um unsere Schätze zu kümmern. Ich selbst gelte als eher verwaltungskritisch, was andere Adelsfamilien dazu anregte, ihre Meinung zu überdenken. Nun können andere diesem Beispiel folgen und sehen, was man mit seinen Schätzen alles anfangen kann.

Woher stammten die Stücke in Ihrem Archiv und was beinhaltete es?

Von Gayling: Die wichtigsten Stücke  waren immer hier oder bei anderen Adelsfamilien zu denen Beziehungen bestanden – zwei davon wurden von meinem Urgroßvater entdeckt. Durch Nachforschungen erfuhr ich dann von Dokumenten, die noch bei Verwandten aufzufinden sein mussten. Und siehe da: Es war der Fall.

Und wie lange saßen Sie an Ihrer Sammlung bis zur Übergabe?

Von Gayling: Mein Leben lang. Das ist eine Aufgabe, die mir von meinen Vorfahren übertragen wurde.

Welche Rolle hat der Gedanke gespielt, diees Schätze der Öffentlichkeit zugänglich zu machen?

Von Gayling: Das war sicherlich auch ein Grund für die Übergabe. Der andere war, ganz banal, dass ich Platz in der Kapelle des Schloss Ebnet benötige, die ich momentan restaurieren lasse und in ihren Urzustand bringen möchte.

Der Adel hat die südbadische Landschaft nachhaltig geprägt, heißt es. Wo und wie kann man diesen Nachhall heute noch sehen?

Von Gayling: Überall, doch nicht viele  sind dazu noch in der Lage. Nehmen wir Ebnet oder Bollschweil: Die Schlösser dort stehen immer in einem bestimmten Verhältnnis zu Kirche, Wirtschaftsgebäuden und so weiter. Man konnte früher in Ensembles denken. Das ist im Laufe der Zeit zunehmend verloren gegangen.

Schwingt auch ein wenig Wehmut mit, dass Ihre Lebensaufgabe mit der Übergabe an das Landesarchiv zu einem Ende gebracht wurde?

Von Gayling: Nein, nicht Wehmut. Ich empfinde in diesem Zusammenhang Zuversicht. Es ist das positive Ende eines langen Weges. Stellen Sie sich vor, dass Sie ein kurioses Projekt verfolgen und nach Jahrzehnten nimmt der Staat es in seine Obhut. Was hätte ich denn mit all den Dokumenten und Gemälden machen sollen? Es ist nun in besserer Obhut, als es bei mir hätte sein können. 

Und auch die staatlichen Vertreter respektieren nach dieser langen Auseinandersetzung den Wert dieser Sammlungen, die sie lange Zeit  als Staatseigentum angesehen haben.

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