„Es wird bei weitem nicht genug getan“

Laut aktuellem Europäischem Drogenbericht werden Cannabis und andere illegale Substanzen mehr denn je konsumiert – Jeanette Piram, Leiterin der Drogenhilfe Freiburg im Interview

Frau Piram, kommen die Menschen erst zur Drogenhilfe, wenn es eigentlich schon zu spät ist?

Jeanette Piram: Jein. Wir haben den Bereich der Jugend- und Drogenberatungsstelle, kurz DROBS. Dort ist es häufig so, dass Eltern vorbeikommen, wenn sie die Befürchtung haben, dass sich ihre Kinder Richtung Sucht entwickeln könnten. Dadurch kommen die Betroffenen rechtzeitig zu uns. Es gibt dann gute Möglichkeiten, der Entwicklung einer Abhängigkeit entgegen zu wirken.

Und die anderen?

Piram: Auf der anderen Seite kommt der Teil der Erwachsenen, die bis dato ohne größere Probleme konsumiert haben, aber auf einmal in Schwierigkeiten geraten, zum Beispiel in Beziehung und Job. Häufig geraten Drogenkonsumenten früher oder später auch mit dem Gesetz in Konflikt. Diese Menschen haben dann durch äußeren Druck die „Motivation“, etwas zu verändern. Schließlich gibt es auch diejenigen, die zu der Selbsterkenntnis kommen und sagen: Ich habe mich so verändert, ich gefalle mir nicht mehr und will mich ändern. Diese Gruppe ist jedoch überschaubar.

Wenn jemand zur Suchtberatung kommt, was genau passiert dann?

Piram: Man muss einfach nur vorbeikommen, ohne Voranmeldung. Dann hat man Zeit, mit einem Berater zu sprechen, sein Problem zu schildern und gemeinsam zu überlegen, wie die nächsten Schritte aussehen. In der Regel gibt es dann Einzeltermine, in denen überlegt wird, wie das Ziel erreicht werden soll. Im „Kontaktladen“ hingegen haben wir Leute, deren Lebensmittelpunkt die Szene ist. Das sind hauptsächlich chronisch Konsumierende, die dort Essen, Trinken, Spritzen, Kondome etc. bekommen und auch mit Beratern sprechen wollen. Es gibt viele Alltagsdinge, die aufgrund der Abhängigkeit nicht mehr alleine geregelt werden können.

Kann ein Süchtiger dauerhaft „clean“ werden?

Piram: Natürlich kann er das. Aber je nach Fall gibt es sehr große Unterschiede. Manche sind nach einigen Wochen wieder clean und schaffen es auch clean zu bleiben, bei anderen dauert es sehr lange. Eine allgemeingültige Antwort gibt es dazu nicht. Wir müssen immer wieder deutlich machen, dass das „Hilfe holen“ in der Verantwortung der Person liegt, die zu uns kommt. Wenn diese Person aus der Sucht raus möchte und Hilfe annimmt, dann gibt es da Wege dafür. Aber natürlich besteht ein Leben lang eine hohe Rückfall-Gefahr: Das ist wie nach einen schweren Beinbruch oder so. Es ist für den Rest des Lebens die schwache Stelle.

Welche Substanzen sind derzeit Ihrer Einschätzung nach besonders stark im Raum Freiburg im Umlauf?

Piram: Wenn ich von den Menschen, die mit Suchtproblemen zu uns kommen, ausgehe, sind neben Cannabis und Alkohol nach wie vor die synthetischen Drogen wie Ecstasy auf sehr hohem Niveau. Methylphenidat, also Ritalin, ist beispielsweise auch stark verbreitet. Wir haben natürlich auch Kokain- und Heroin-Konsumenten, aber mein Eindruck ist, dass es vor allem Medikamente sind, die missbräuchlich konsumiert werden.

Cannabis wird inzwischen von vielen Menschen als unbedenkliches Rauschmittel wahrgenommen. Wie verbreitet ist die Substanz – und wie gefährlich ist sie?

Piram: Cannabis ist quer durch alle Gesellschaftsschichten und Altersklassen sehr verbreitet. Es wird in der Tat immer so getan als sei das völlig ungefährlich. Das ist es aber nicht. Wir haben keine geregelte Abgabe von Cannabis, es kommt alles vom Schwarzmarkt und man weiß nicht, was es ist und wie stark es ist. Cannabis ist eine hoch wirksame Substanz, die bei Jugendlichen wiederum noch heftiger wirkt als bei Erwachsenen. Das kann Psychosen auslösen, weil das Cannabis, das heute auf dem Markt ist, viel stärker wirkt. Deswegen gibt es auch wesentlich mehr Psychosen als früher. Eine Biografie kann durch so einen Vorfall einen lebenslangen Knick bekommen.

Wird denn in Baden-Württemberg generell genügend für die Drogen-Prävention getan?

Piram: Nein, bei weitem nicht. Da gibt es gar keine Diskussion. Dabei ist Prävention ein sehr wichtiges gesellschaftliches Thema. Anfangen müsste man mit einem Werbeverbot für Suchtmittel und dem Erlernen eines guten Umgangs mit der Volksdroge Alkohol. Aber schauen Sie sich nur unsere Region mit Weinanbau und Brauereien an. Weniger Alkoholkonsum würde dazu führen, dass Arbeitsplätze wegfallen, es gäbe weniger Kaufkraft, etc. Fakt ist: Alkohol ist in unserer Gesellschaft ganz klar die Einstiegsdroge Nummer eins.

Wie kann man Jugendliche am effizientesten vor Alkohol und anderen Suchtmitteln schützen?

Piram: Eltern sollten ein gutes Vorbild abgeben, doch bei kleinen Dingen fängt es schon an: In den Kühlschränken der meisten Haushalte befindet sich in der Regel eine größere Auswahl an alkoholischen Getränken als an nicht alkoholischen Getränken. So etwas kann schon verleiten. Eine erste Prävention wäre es, dass es ein attraktives Angebot an antialkoholischen Getränken gibt. Besonders wichtig ist auch, dass Kinder sozial kompetent sind, dass sie lernen, wie sie sich in eine Gemeinschaft einfügen können. Sie sollten so selbstbewusst sein, dass sie nicht alles tun würden, um in einer Clique dabeisein zu dürfen. Es geht weiter mit Frustrationstoleranz etc. Kinder sollten auch nicht mit Süßigkeiten belohnt oder getröstet werden. Wer das im späteren Leben nicht beherrscht, driftet viel leichter in eine Sucht ab.

Und darüber hinaus?

Piram: Da gibt es sehr viel Aufklärungsarbeit zu leisten: Vor allem muss den Kindern und Jugendlichen noch viel stärker vermittelt werden, dass jede spürbare Wirkung eine Intoxikation ist, also eine Wirkung, die der Körper als Vergiftung wahrnimmt. Die Leute dürfen selbstverständlich auch Alkohol trinken. Aber es geht darum, dass sie wissen, was sie tun und erkennen, wann eine Gefährdungslage besteht. Und ganz besonders wichtig ist der Genuss. Denn wer nicht genießt – und genießen kann man verschiedenste Dinge – wird ungenießbar. Interview: Sven MeyerWer bei Drogenproblemen Hilfe sucht: Jugend- und Drogenberatungsstelle „DROBS“, Faulerstraße 8, 79098 Freiburg – Telefon: 07 61 / 3 35 11

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Wie gefährlich ist Kiffen wirklich? „Cannabis ist eine hoch wirksame Substanz, die bei Jugendlichen wiederum noch heftiger wirkt als bei Erwachsenen und Psychosen auslösen kann“, betont Jeanette Piram (rechts), Diplompsychologin und Leiterin der Freiburger Drogenhilfe. FOTOS: JUNIART/ARCHIV