Kämpfen auf allen Ebenen

Mit fast 30 Prozent sind die Grünen auf einem Allzeithoch – Freiburgerin Kerstin Andreae erklärt warum

 

Die Grünen sind die Gewinner der aktuell heiß geführten Klimadebatte. Claudia Kleinhans hat mit der grünen Freiburger Bundestagsabgeordneten Kerstin Andreae über Glaubwürdigkeit, Demut und das Verlangen nach einem grundlegenden Politikwechsel gesprochen.

Frau Andreae, in aktuellen Umfragen liegen die Grünen mit 26 Prozent teilweise sogar noch vor der CDU. Wie ist angesichts solcher Zahlen die Stimmung bei Ihnen und bei Ihren Kollegen in Berlin?

Andreae: Die Stimmung ist gut. Was unsere Umfragewerte angeht, freuen wir uns natürlich erstmal, dass wir so viel Zuspruch erleben. Aber wir sind auch voller Respekt und Demut, weil wir wissen, dass damit eine hohe Erwartungshaltung an uns verbunden ist. Schaffen wir es tatsächlich, politische Veränderungen herbeizuführen und entscheidende Weichen zu stellen? Eines kann ich sagen: Wir kämpfen auf allen Ebenen, damit sich etwas ändert.

Demut, weil mit großer Macht auch große Verantwortung kommt? Was ändert sich für die Grünen durch den Status einer Volkspartei?

Andreae: Der Begriff ist nicht meiner. Entscheidend ist doch, dass wichtige Themen von der Regierung nicht angegangen werden. Die Menschen wollen eine Politik, die Themen wie Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit und Europa progressiv, modern und vor allem wirksam beantwortet. Sie wollen eine Regierung, die handelt und die etwas zur Rettung des Klimas auf den Weg bringt. Und das traut man uns zu. Es freut uns, dass wir hier eine so hohe Glaubwürdigkeit genießen. Und ja natürlich, je stärker unser Ergebnis ist, desto besser können wir unsere Inhalte umsetzen. Nur im Moment sind wir im Bundestag noch eine kleine Opposition und können hier nur dafür kämpfen, dass die Politik der Regierung sich verändert.

Im Osten sind die Grünen allerdings noch eher schwach. Was muss Ihre Partei hier anders machen, um die Menschen dort besser zu erreichen?

Andreae: Wir haben im Osten durchaus Zuwächse, auch erstaunlich gute und teilweise sensationelle in Städten. Aber im ländlichen Raum im Osten tun wir uns tatsächlich schwer. Die Gründe dafür sind vielfältig. Es liegt auch an den dort vorherrschenden Strukturen. Wir sind als Grüne dort nicht traditionell gefestigt, die Kreisverbände sind nicht groß. Unsere Politik lebt aber davon, dass wir mit den Menschen sprechen, Grüne Politik erklären und vor Ort sind. Wir müssen um Vertrauen werben. Es ist Aufgabe deutlich zu machen, dass die Zukunft nicht in einer rückwärtsgewandten Abschottungspolitik der AfD liegt sondern in einer die proeuropäisch und zukunftsorientiert ist. Dazu müssen wir vor allem das Vertrauen in unsere Demokratie stärken.

Wer bei den „Fridays for Future“ mitläuft, hat seine Antwort schon gegeben. Ist die aktuell heiß geführte Klima-Debatte und die hoch politisierte Jugend die Grundlage für das Umfragehoch Ihrer Partei? Was unterscheidet die Grünen von den restlichen Parteien?

Andreae: Unser größtes Pfund ist die Glaubwürdigkeit. Man glaubt uns, wenn wir sagen, wir wollen etwas ändern. Bei der CDU und teilweise auch der SPD wird zu wenig gehandelt. Ich habe beispielsweise mit einem Wirtschaftsminister Altmaier zu tun, der Klimaschutz nicht als Chance, sondern eigentlich als Hemmnis für unsere Wirtschaft sieht. Und das ist eine grundsätzliche Haltung. Es geht doch nicht darum, einige kleinere Korrekturen vorzunehmen, sondern dass Ökologie ins Zentrum der Ökonomie rückt. Wir wollen eine Wirtschaftspolitik, die dem Kriterium Nachhaltigkeit und Klimagerechtigkeit genügt. Ja, die Jugend ist politischer geworden. Aber was ist denn der Grund? Die Jugend sagt, ihr zerstört unsere Lebensgrundlage und sie sind zurecht ungeduldig. Alle müssen anfangen zu handeln und etwas zu ändern, insbesondere die Bundesregierung.

Nun könnte man sagen, aus der Opposition heraus kritisiert es sich leicht...

Andreae: Wir sehen uns als grüne Opposition durchaus in der Verantwortung und entwickeln Lösungen und Alternativen. Die Herausforderungen sind zu groß, als dass die Regierung oder Wirtschaft diese alleine bewältigen könnten. Und ja: im Bund sind wir in der Opposition. Aber wir sind an neun Landesregierungen beteiligt. Überall dort setzen wir uns ehrgeizig für die ökologische Modernisierung ein. In Baden-Württemberg z.B. haben wir das Energie- und Klimaschutzkonzept weiterentwickelt und die Bürger daran beteiligt. Das ist ein Beispiel fundierter Politik, die wir bereits über Jahre hinweg machen.

Auch in Freiburg haben die Grünen hinzugewonnen. Haben Sie die Gemeinderatswahl in Freiburg verfolgt?

Andreae: Ja, natürlich. Es ist schön, dass wir nochmal zugelegt haben. Ich bin unheimlich stolz auf die frisch gewählten Gemeinderäte und Gemeinderätinnen, die wirklich dafür brennen, jetzt Politik zu machen. Da sind auch viele neue und junge Leute mit dabei. Die sind motiviert bis unter die Haarspitzen. Ich wünsche allen ein gutes Händchen.

Zurück
Vor allem bei der jüngeren Generation können die Grünen punkten. FOTOS: PIXABAY/PRIVAT
Kerstin Andreae Foto: DEUTSCHER BUNDESTAG