Rückkehr der Stechuhr?

Unnötige Gängelung oder Schutz der Arbeitnehmer – Zur Arbeitszeiterfassung gehen die Meinungen auseinander

Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) zur Arbeitszeiterfassung ruft auch in Freiburg unterschiedlichste Reaktionen hervor. Müssen wir wirklich bald alle stempeln gehen?Wie viele Stunden arbeiten wir eigentlich genau pro Tag? Das werden sich nach dem Urteil des EuGH in Bälde auch die Freiburger fragen müssen. Denn die Richter stellten fest, dass Arbeitgeber die Arbeitszeiten ihrer Angestellten systematisch erfassen müssen – denn nur dann könnten eventuelle Überstunden und notwendige Ruhezeiten eingehalten und überprüft werden.
Die Reaktionen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern aus der Region fallen recht unterschiedlich aus: Während die einen eine Rückkehr der Stechuhr fürchten, sehen sich die anderen in ihren Rechten gestärkt.
Reiner Geis, Gewerkschaftssekretär von Verdi Südbaden sieht das Urteil als „wichtigen Schritt zum Schutz von Arbeitnehmern“, die bisherige Regelung, nur Überstunden aufzuschreiben, habe vor allem auch bei Teilzeitkräften dazu geführt, dass mehr gearbeitet wurde, als vertraglich vereinbart war. Die Argumentation, dass die Arbeitszeiterfassung mit starren Arbeitszeitmodellen einhergehe, kann Geis nicht nachvollziehen: „Arbeitszeiterfassung kann flexibel stattfinden, egal ob beispielsweise bei einer Vier-Tage-Woche oder bei Nachtarbeit.“
Bei der Handwerkskammer Freiburg gibt man sich bedächtig: „Bei der erst noch anstehenden Ausarbeitung eines Umsetzungsvorschlags muss unbedingt darauf geachtet werden, dass diese grundsätzlich gut gemeinte Absicht nicht einmal mehr zu mehr bürokratischer und finanzieller Belastung für unsere Betriebe führt. Wir müssen weg von der verbreiteten Vorstellung der klassischen Zeiterfassung und hin zu simplen Lösungen in einer sich entwickelnden Arbeitswelt 4.0“, so Handirk von Ungern-Sternberg, Geschäftsbereichsleiter Beratungsdienste/Handwerksrolle der Handwerkskammer Freiburg.
Alexander Hangleiter, Geschäftsführer der Freiburger Geschäftsstelle des Hotel- und Gaststättenverbands DEHOGA, glaubt an eine relativ zügige Umsetzung des Urteils in Gesetzesform: „Ich könnte mir vorstellen, dass wir innerhalb eines Jahres eine gesetzliche Regelung in Deutschland haben.“ Hangleiter erhofft sich branchenspezifische Lösungen. „Schließlich müssen beispielsweise Außendienstler anders behandelt werden, als Menschen mit einem festen Bürojob“, unterstreicht er.


„Gift für den Mittelstand“
Ähnlich sieht das auch Thomas Burger, Präsident der wvib Schwarzwald AG (dem Wirtschaftsverband der Industrie Badens). Auch er glaubt, dass nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht wurde, und es gelte, die Gesetze und Regelungen abzuwarten, die auf das Urteil folgen. Für ihn ist die Zeiterfassung allerdings ein klarer Schritt zurück: „Jetzt geht ganz Europa stempeln. Kleines Karo statt Flexibilität, neue Grenzen statt Offenheit. Das ist Gift für den Mittelstand und innovative Unternehmenskultur. So wird Europa die Herzen der Menschen nicht erobern!“
Gemeinsam ist den Arbeitgebervertretern, dass ein Mehr an Bürokratie erwartet wird, gerade für kleine Betriebe sei das schwer zu stemmen. „Größere Unternehmen können den zusätzlichen Aufwand mit ihrer Personalabteilung abfangen“, glaubt Hangleiter, „kleine Unternehmen stehen da vor einer großen Aufgabe.“ Nun gilt es abzuwarten, in welcher Form der deutsche Gesetzgeber das Urteil des Europäischen Gerichtshof letztlich umsetzt.

Claudia Kleinhans

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