„Die Tafel ist ein Überraschungsladen“

20 Jahre Freiburger Tafel: Annette Theobald, erste Vorsitzende, über Erfolge und ehrenamtliches Engagement

Die Tafeln setzen sich seit ihrer Gründung dafür ein, dass aufwändig erzeugte Lebensmittel dorthin gelangen, wo sie hingehören: auf den Teller. Bei denen, die zu wenig haben. Seit 20 Jahren funktioniert auf diese Weise die Freiburger Tafel. Im Gespräch mit Wochenbericht-Redaktionsleiter Sven Meyer zieht Annette Theobald, die erste Vorsitzende der Freiburger Tafel, eine Bilanz.

Vor 20 Jahren wurde die Freiburger Tafel gegründet: Würden Sie sagen, dass diese Einrichtung heute so aktuell ist wie damals?

Annette Theobald: Das kann man auf jeden Fall sagen. Es kommen nach wie vor, wie man an den Warteschlangen vor der Tür ablesen kann, sehr viele Menschen zu uns. Im Durchschnitt sind es 270 Menschen, vor Wochenenden und Feiertagen sind es mehr. Die Tafel ist nach wie vor notwendig, sei es für kinderreiche Familien oder Familien mit geringem Einkommen, für ältere Menschen mit einer Minirente oder Menschen mit Migrationshintergrund. Die Renter zu erreichen, ist nach wie vor schwierig, da gibt es Hemmschwellen. Wenn sie dann aber mal zu uns gefunden haben, sind sie sehr dankbar, dass es die Tafel gibt.

Viele Tafeln in Deutschland beklagen, dass sie nicht mehr alle Menschen versorgen können, weil sie nicht mehr genügend Lebensmittel geliefert bekommen. Gibt es derartige Versorgungsengpässe auch in Freiburg?

Theobald: Nein, wir leben hier wirklich in einer guten Situation und haben zum Glück zuverlässige Lieferanten aus der hiesigen Lebensmittelbranche. Es ist nicht jeden Tag gleich, aber wir bekommen in der Regel gute Lebensmittel in ausreichendem Maße zur Verfügung gestellt. Ich sage immer, die Tafel ist ein Überraschungsladen. Wir wissen morgens selbst nicht, welche Waren wir zur Verfügung gestellt bekommen. Eine wichtige Information an unsere Kunden ist in diesem Zusammenhang, dass derjenige, der um 14 Uhr kommt genauso gute Ware erhält wie die ersten Kunden des Tages. Wir rationieren und legen den ganzen Tag Waren nach.

Wie kommen Sie an die Ware?

Theobald: Wir haben einen festen Lieferantenstamm innerhalb des Stadtgebiets, die Lebensmittel holen wir selbst ab. Da gibt es eine tägliche feste Route. Aber wir sind auch von uns aus immer in gutem Kontakt zu Lebensmittelhändlern und -produzenten. Wenn sich da kurzfristig etwas ergibt, sorgen wir dafür, dass die Ware so schnell wie möglich von einem Fahrer der Tafel abgeholt wird.

Die gesamte Tafelarbeit basiert auf ehrenamtlichem Engagement. Haben Sie immer genügend Mitarbeiter?

Theobald: Es gibt sehr viele fleißige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die das teilweise schon über ein Jahrzehnt lang machen. Es gibt einige, die seit 20 Jahren, also von Beginn an, bei uns sind. Dennoch haben auch wir Fluktuation. Wir benötigen pro Tag zirka 30 Ehrenamtliche. Um den reibungslosen Ablauf gewährleisten zu können, müssen wir daher auch immer wieder Aufrufe starten, um neue ehrenamtliche Helfer zu gewinnen. An manchen Tagen gibt es personelle Lücken. Menschen, die Spaß an Teamarbeit haben und der Gesellschaft etwas zurückgeben wollen, sind herzlich willkommen.

Nicht erst seit den Schlagzeilen rund um die Essener Tafel gibt es auch immer wieder Meldungen von Problemen, weil gesellschaftliche Konflikte in die Tafelläden getragen werden. Welche Erfahrungen haben Sie diesbezüglich gemacht?

Theobald: In all den 20 Jahren mussten wir kein einziges Mal die Polizei rufen – auch nicht auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle. Ich denke, das sagt schon einiges aus. Zudem lassen wir immer nur zehn bis maximal zwölf Kunden gleichzeitig in den Tafelladen; so können wir Konflikte im Vorfeld vermeiden. Alle Mitarbeiter legen darüber hinaus viel Wert auf ein gutes und respektvolles Miteinander. Ein freundlicher Ton kann offenbar viel bewirken. Helfer gesucht: Wenn Sie bei der Freiburger Tafel ehrenamtlich als HelferIn im Tafelladen oder als FahrerIn mithelfen wollen, melden Sie sich bitte diesbezüglich via E-Mail unter der Adresse tafelleitung@freiburger-tafel.de oder per Telefon unter 07 61/29 27 246.

Zurück