Ein Jahr nach der Sensation

Im Mai 2018 gewann Martin Horn die OB-Wahl – Viele Skeptiker konnte er seither für sich gewinnen

Vor einem guten Jahr sorgte Martin Horn als Sensationssieger bei der Freiburger Oberbürgermeisterwahl für bundesweite Schlagzeilen. Doch dem unerfahrenen Politneuling schlug auch gehörige Skepsis entgegen. Wie hat Martin Horn sein erstes Jahr gemeistert?Am 6. Mai 2018 sorgte ein blutjunger Quereinsteiger für einen Paukenschlag, den Monate zuvor noch nicht einmal kühnste Träumer für möglich gehalten hätten: Der parteilose, damals 33-jährige Martin Horn fegte im zweiten Durchgang zur Freiburger Oberbürgermeisterwahl mit 44,2 Prozent der Stimmen den Amtsinhaber Dieter Salomon (30,7) aus dem Rathaus. Die Wechselstimmung hatte zuvor kaum jemand wahrgenommen. Und nicht wenige hielten Horn, der in Freiburg bis zu seinem Wahlkampfstart völlig unbekannt war und dessen kommunalpolitische Vita sich bis dato auf die Arbeit als Europakoordinator der Stadt Sindelfingen beschränkte, für ein Leichtgewicht. Einer, für den die Fußstapfen seines Amtsvorgängers viel zu groß sein würden.
In der Tat wirkte Martin Horn in den ersten Wochen wie jemand, der über sich selbst staunt und seine neue Rolle und seine Macht noch nicht so richtig fassen kann. Auf Außenstehende wirkte dieser Horn bisweilen naiv. Und natürlich merkte man ihm bei einigen Auftritten an, dass er noch nicht mit allen Personalien und Zusammenhängen so richtig vertraut war. Doch er entwickelte sich schnell. Wer ihn heute reden hört, erlebt einen anderen Horn. Die Verhaspler, die seine ersten Reden kennzeichneten, kommen kaum noch vor. Er wirkt souverän, selbst in schwierigen Situationen wie in den Tagen nach der Meldung von der Gruppenvergewaltigung am Hans-Bunte-Areal, wo er sehr besonnen agierte und sich auch nicht von Drohungen im Internet davon abbringen lies. Als Rathauschef hat der inzwischen 34-Jährige erste Spuren hinterlassen und mit dem gewonnen Dietenbach-Bürgerentscheid eine große Hürde erfolgreich genommen. Unter anderem hat Horn mit dem Mietmoratorium für die Freiburger Stadtbau, einem ambitionierten Doppelhaushalt sowie der Einführung des Kurzstreckentickets ab 1. August erste kommunalpolitische Impulse gesetzt. Indem er auf lockere Art Facebook und Instagram bespielt und seine im Wahlkampf angekündigten Stadtteilbesuche in die Tat umsetzt, baut er Bürgernähe auf. Stadträte und Bürgermeisterkollegen bescheinigen dem zweifachen Familienvater zudem eine schnelle Auffassungsgabe und Durchsetzungsfähigkeit. Er könne gut zuhören und zeige sich zudem für Ratschläge offen. Viele, die in Verwaltung und Gemeinderat anfangs skeptisch waren, habe er damit überzeugt, ist zu hören.


Bewährungsprobe wartet
„Wir haben seit meinem Amtsantritt schon einiges erreicht und noch viel mehr auf den Weg gebracht. Das Referat für bezahlbares Wohnen und das Amt für Digitales sind dabei die ersten sichtbaren Wegmarken meiner Arbeit“, rückt Horn auf Nachfrage selbst zwei seiner Steckenpferde in den Mittelpunkt.
Bislang erwies sich der parteilose, aber der SPD nahe stehender Oberbürgermeister als geschickter politischer Vermittler, der imstande ist, Brücken zu bauen. Doch in Zukunft dürfte es für ihn schwieriger werden. Der Grund dafür sind die Gemeinderatswahlen, bei denen sage und schreibe 18 Listen um die Wählergunst konkurrieren. Im zukünftigen Stadtparlament werden so viele Interessen wie nie vertreten sein. Ob es Horn gelingen wird, diese inhaltlich teils sehr auseinanderstrebenden Gruppen zu einen, wird spannend zu beobachten sein. Fest steht: Die Entscheidungsfindung wird auf jeden Fall erschwert. Horn wird viel Kraft und Geschick brauchen, Mehrheiten zu organisieren.

Sven Meyer
 

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