Das Phänomen Muskelsucht

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Sport ist gut, aber es gibt Grenzen: Wenn Körperkult krank macht – Insbesondere junge Männer sind betroffen

Kraftsport ist im Trend, auch viele Jugendliche eifern im Fitnessstudio oder mit Heim-Hanteln einem durchtrainierten Körperideal nach. Doch Übertraining – oft begünstigt durch falsche Vorbilder im Netz –  kann krankmachen, körperlich wie psychisch. In extremen Fällen spricht man von Muskelsucht. Vor allem junge Männer sind betroffen.

Grundsätzlich gilt: Sport ist gesund. Und mehr und mehr junge Menschen wollen ihre Muskeln trainieren. Das bestätigt auch Samuel Bäuerle, Betriebsleiter des Freiburger Fitnessstudios Fitnessloft-Nord: „Es gibt unter jungen Menschen ein größeres Bewusstsein für Fitnesstraining allgemein, aber Krafttraining im Besonderen.“ Demnach könne er einen Zuwachs an Jugendlichen und jungen Erwachsenen in seinem Studio verzeichnen. „Vereinzelt haben wir auch 14- oder 15-Jährige, aber so richtig los geht es dann ab 17, 18 Jahren.“

Dass auch Jugendliche sich vermehrt für Krafttraining interessieren, bewertet die Freiburger Sportpsychologin Jana Strahler grundsätzlich positiv. Krafttraining rege den Stoffwechsel an und die Knochendichte nähme zu. „Es ist quasi eine Investition in die Zukunft“, so die Leiterin des Lehrstuhls für Sportpsychologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Schon zweimal pro Woche intensiv trainieren könne laut Samuel Bäuerle ausreichen, um schon nach sechs Wochen Erfolge zu sehen. Dabei sei entscheidend, die Übung korrekt auszuführen und Muskelgruppen im Wechsel zu trainieren.

Denn übermäßiges Training kann krankmachen – oder Symptom einer Erkrankung sein. Adonis-Komplex, Biggerexie, Muskelsucht: Die Umgangssprache kennt viele Bezeichnungen für die sogenannte Muskeldysmorphie. Dabei handelt es sich laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung um eine Verhaltensstörung, bei der sich Betroffene in extremem Ausmaß mit der Muskelmasse ihres Körpers beschäftigen.
 „Die Muskelsucht ist eine Körperschemastörung. Betroffene halten sich für zu dünn und zu wenig muskulös – selbst wenn sie gut durchtrainiert sind“, erklärt Jana Strahler. Der Leidensdruck kann immens sein. Neben exzessivem Sport folgen Betroffene in der Regel einem strengen, auf Muskelwachstum ausgelegten, Ernährungsplan. Oft ist das ganze Leben von der Erkrankung bestimmt. Betroffene ziehen sich zurück, das Sozialleben leidet, wenn beispielsweise Einladungen zum gemeinsamen Essen ausgeschlagen werden.

Vor allem junge Männer sind von dieser Art der verzerrten Selbstwahrnehmung betroffen, das Durchschnittsalter einer Ersterkrankung liegt bei 19,5 Jahren. Damit dürfte nicht zuletzt die Inszenierung vermeintlich schnell erreichbarer Muskelberge in sozialen Netzwerken zu tun haben. Mit der Realität haben auf Vermarktung getrimmte, muskelbepackte Influencer-Körper zwar nur bedingt zu tun – trotzdem üben sie realen Einfluss aus. Gerade für Jugendliche sei es herausfordernd, einen natürlichen Körper von einem, bei dem nachgeholfen wurde, zu unterscheiden, warnt Strahler. Schönheitsideale könnten negative Auswirkungen auf die Wahrnehmung des eigenen Körpers haben; Idealvorstellungen des starken, muskulösen Mannes könnten Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper begünstigen. Daneben kennt die Fachwelt weitere Risikofaktoren: Neben einem geringen Selbstbewusstsein und einem hohen Maß an Perfektionismus, deuten Studien auch auf eine genetische Komponente hin.

Wie viele junge Menschen betroffen sind, dazu gibt es keine belastbaren Zahlen. Nicht zuletzt, weil die Erkrankung erst langsam an Aufmerksamkeit gewinnt. Erst in den 90er-Jahren wurde die Muskelsucht als psychische Krankheit anerkannt, bis heute gibt es kein Diagnoseinstrument. Jana Strahler rät: „Bei Verdacht auf eine Muskelsucht finden Betroffene und Angehörige Hilfe in Beratungsstellen und Fachambulanzen für Essstörungen, in Freiburg kann die Psychosomatik der Uniklinik helfen. Es gibt auch niedergelassene Therapeuten und Psychiater, die Muskelsucht behandeln.“