Debatten um eine ferne Vision

Lokales

Stadttunnel: Die ersten Reaktionen zu den konkreten Entwürfen für eine Dreisampromenade driften ins Grundsätzliche ab

Wie könnte man die Oberfläche entlang der Dreisam verändern, wenn eines Tages der Stadttunnel gebaut ist und der Schwerlastverkehr in den Tunnelröhren verschwindet? Die Konzeptstudie, die das Rathaus zu dieser Frage erstellen ließ, wird seit ihrer Vorstellung in der vergangenen Woche heiß diskutiert. Die ersten Reaktionen drehen sich auch um die Frage, welche der vorgestellten Varianten bevorzugt wird. Vor allem aber geht es um Grundsätzliches.

Der Baubürgermeister

Martin Haag sieht in den vorgestellten Plänen „die Chance, die Diskussion konstruktiv anzugehen“. Zur Debatte für diesen „Chancenraum“ an der Dreisam, so Haag, stehe die Frage, welche Variante die Stadtgesellschaft bevorzuge: Szenario 1, für das die beiden notwendigen Fahrspuren auf der Südseite gebündelt würden, womit auf der Innenstadt-Seite eine reine Fußgängerzone entstehen könnte – oder Variante 2, in der jeweils eine Fahrspur auf jeder Dreisamseite verbliebe, was zwar Promenaden an jeder Seite, aber keine Fußgängerzone im Norden ermöglichen würde. „Es gibt eine fairere und eine spektakuläre Variante“, so Haag. Doch ganz gleich, welche Variante käme: „Es profitieren am Ende alle davon, weil sich der LKW-Verkehr massiv reduzieren würde“, so der Baubürgermeister.

Die Tunnelgegner

Die Initiative Stadttunnel, die den Bau eines Tunnels grundsätzlich ablehnt, sieht sich durch die vorgestellten Entwürfe in ihrer Haltung bestätigt. „Mehr Dreisamufer würde es auch mit einem Stadttunnel nicht geben“, erklären die freie Architektin Gabi Dierdorf und Reinhild Dettmer-Finke in einer Pressemitteilung der Initiative. Vor allem den von der Stadt prognostizierten Zeithorizont, wonach Baubeginn für den Tunnel „nicht vor Mitte der 2030er Jahre“ wäre, nehmen die Tunnelgegner ins Visier. Sie sagen: „Die ’Stadtheilung’ darf nicht ein Projekt in ferner Zukunft sein. Wer eine Stadtheilung will, muss sich mit Nachdruck auch für das Verbot überregionaler LKWs über 12 Tonnen einsetzen. Davon profitieren auch die Anlieger am Zubringer Mitte und Gemeinden im Freiburger Osten“, so die Initiative.

Die Bürgervereine

Die Bürgervereine Oberwiehre-Waldsee-Oberau und Mittel- und Unterwiehre begrüßen es, dass das Rathaus „umfänglich über die Vorstellungen der Verwaltung“ in Sachen Dreisamufer informiert. Aber auch sie fordern eindringlich in einem Offenen Brief schon viel früher Taten: „Völlig unabhängig davon, ob dieser Tunnel  2035, 2040 oder niemals gebaut wird“ müssten die Verantwortlichen der Stadt bereits jetzt „alles“ unternehmen, „um die Belastungen zu reduzieren.“ Vom Rathaus verlangen die Bürgervereine bereits jetzt „in harte Verhandlungen“ für ein Durchfahrtverbot für alle Fahrzeuge über 12 Tonnen einzutreten: „Darauf können die Betroffenen nicht bis 2040 oder 2050 warten“.

Der Ex-Chefstadtplaner

Wulf Daseking, 28 Jahre lang Chef des Freiburger Stadtplanungsamtes (von 1984 bis 2012), sieht in den vorgestellten Plänen zwar „ganz spannende Dinge“. Aber über die hübsch in Aquarellen gezeichneten Entwürfe sagt er auch: „Du musst ungemein aufpassen, wenn dir etwas heiß angeboten wird.“ Auch er sieht einen Knackpunkt in dem langen Zeithorizont, bis es überhaupt zur Umsetzung  käme. „Haben wir denn in 20, 30 oder 40 Jahren überhaupt noch diese Form der Andienung?“, fragt Daseking, der nach wie vor in der Stadtverwaltung von Singapur tätig ist – einer Stadt, in der bereits heute die Auslieferung von Waren durch Drohnen erprobt wird. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass man die nächsten 30 Jahre die Stadt in diesem Bereich durch den Schwerlastverkehr so im Würgegriff hält. Das wäre dem Stadtsystem und den Menschen unverträglich. Warum denken wir nicht über Auslieferungslager an den Autobahnen nach, wo man von dort aus in kleineren Fahrzeugen verträglicher in die Stadt und in die Region reinfährt?“ Es seien Dinge wie diese, so Daseking, die die Stadt entscheiden müsse.