Auf der Jagd nach einem Phantom

Lokales

Der ungeklärte Mord an Josef Walzenbach beschäftigt den damaligen Chef-Ermittler Bruno Bösch noch heute

Mord verjährt nie. Doch manche Taten bleiben auch nach vielen Jahren mysteriös und ungeklärt. Auch in Freiburg gab und gibt es solche Fälle. Der Mord an Josef Walzenbach gehört dazu. Walzenbach war 61 Jahre alt, als er am 26. März 2001 in seiner Wohnung im Stadtteil St. Georgen erschlagen aufgefunden wurde. Die Fahndung nach seinem Mörder gestaltete sich als schwierig, da der damals 61-jährige ehemalige Bauhelfer, der zur Tatzeit arbeitslos gemeldet war, nicht sehr viele soziale Kontakte hatte. Doch dann entdeckte die Polizei eine Spur.

Es handelte sich um weibliche DNA. Und diese DNA wurde in den folgenden Jahren immer wieder an den unterschiedlichsten Tatorten entdeckt, ohne dass sich eine Person hätte zuordnen lassen. War Josef Walzenbach also einem Phantom zum Opfer gefallen?

Bruno Bösch, Kriminalhauptkommissar bei der Polizei in Freiburg und mittlerweile im Ruhestand, erinnert sich lebhaft an die Ermittlungen. „Eine Nachbarin in der Andreas-Hofer-Straße in Freiburg kam von einer Reise zurück und wunderte sich, dass die Rollläden geschlossen, die Haus- und Wohnungstüre ihres Nachbarn aber offen waren. Licht brannte keines, der Fernseher lief auch nicht.“ Als sich die Situation am folgenden Tag unverändert zeigte, machte die Frau sich Sorgen und betrat die Wohnung. Der Anblick, der sich bot, war schrecklich: „Der Tote hatte Schlagverletzungen am Hinterkopf und zwei Gürtel als Drosselwerkzeug um den Hals geschlungen.“
Josef Walzenbach war ein Mensch, den kaum wer kannte, erinnert Bruno Bösch sich. „Er war im Heim aufgewachsen, wie seine Geschwister. Zu einem mittlerweile verstorbenen Bruder in Freiburg hatte er sporadischen Kontakt. Aber soziale Kontakte  gab es überhaupt keine.“

Morde sind jedoch in den meisten Fällen Beziehungstaten. Wer aber sollte jemanden umbringen, der mutmaßlich arm wie eine Kirchenmaus und praktisch ohne Beziehungen lebte? „Natürlich untersucht man auch in solch einem Fall als erstes das Umfeld des Opfers“, sagt Bruno Bösch. Im Fall Josef Walzenbachs waren dies zunächst einmal die Nachbarn, sein Vermieter und sein ehemaliger Arbeitgeber, mit denen er mehr oder weniger regelmäßig zu tun hatte. „Sein Arbeitgeber sagte damals, dass die Firma über 20 Jahre hinweg seine Ersatzfamilie gewesen sei“.

„Ansonsten galt er als freundlich und offen, ging in seinem nahen Umfeld einkaufen und ging in keine Kneipen“, so Bruno Bösch weiter. Am Tatort fanden die Ermittler jedoch Hinweise, dass Walzenbach nicht nur nebenbei auf Flohmärkten mit Gerümpel handelte, sondern auch, dass er über Annoncen in der Schwulenszene Kontakte gesucht hatte. „Er erzählte wohl einige Tage vor seinem Tod, dass ihn ein junger Mann besuchen wolle. Wer das war, ließ sich aber nicht herausfinden. Es fanden sich auch keine Einbruchsspuren an der Tür. Offenbar hat Josef Walzenbach den Täter freiwillig in seine Wohnung gelassen.“ Dazu kam, dass Walzenbachs Wohnung nicht sehr ordentlich war, was die Ermittlungen ebenfalls erschwerte.

Die Stricher-These

Wurde Josef Walzenbach also möglicherweise von einem Stricher umgebracht? Keiner weiß das. Zumal damals plötzlich eine weibliche DNA-Spur ins Spiel kam: eine Spur einer Frau, die immer wieder von Deutschland aus über Tschechien und Frankreich bis nach Österreich aufgefunden wurde. „Da waren wir erst hoffnungsvoll, weil es so viele dieser Treffer gab“, so Bösch. Er reiste quer durch Europa. Doch als dann die Gen-Spur 2009 auch noch im Zusammenhang mit dem NSU-Mord an der Heilbronner Polizistin Michelle Kiesewetter gesichert wurde, wurden Bösch und seine Kollegen stutzig: „In Innsbruck bricht jemand in eine Gartenhütte ein, um was zu Essen zu klauen. In Tschechien taucht die Spur im Zusammenhang mit Autodieben auf und Lyon im Zusammenhang mit einem Raubüberfall. Und später ermordet die gleiche Person eine Polizistin? Das passte alles nicht zusammen.“

Schließlich ließ sich die Suche nach dem Phantom ganz und gar unerwartet klären: Die DNA stammte von einer Mitarbeiterin einer Firma, die Wattestäbchen für polizeiliche Ermittlungen verpackt hatte. So kam die Spur in Verbindung mit 56 Straftaten an den jeweiligen Tatort. „Das hat aber die Ermittlungen im Fall Walzenbach nicht in eine falsche Richtung geführt“, betont Bruno Bösch. „Alle anderen Spuren dort wurden ja von unserer Ermittlungsgruppe in Freiburg ebenfalls abgearbeitet.“ Bis heute jedoch hat niemand herausgefunden, wer Josef Walzenbach umgebracht haben könnte.

Möglicherweise war es ein Raubmord, so Bösch: „Davon gehen wir im Grunde heute aus. Wir wissen, dass Herr Walzenbach im Februar 2001 einen vierstelligen Betrag von seinem Konto abgehoben hat. 6.000  D-Mark. Das Geld konnte nie gefunden werden.“

Josef Walzenbach war ein Mensch, den heute vermutlich keiner mehr vermisst. Weil es eben keinen gab, dem er zu Lebzeiten so richtig wichtig war. Doch das macht seine Ermordung nicht weniger grausam. „Ich bin seit 2013 in Pension“ sagt Bruno Bösch. „Aber so einen ungeklärten Mord nimmt man trotzdem mit sich mit.“ Derzeit wird der „Cold Case“ Walzenbach ein weiteres Mal von der Freiburger Polizei intern durchgearbeitet. „Man weiß nicht, ob nicht doch was übersehen wurde“, sagt Bruno Bösch. Oder ob sich jemand mehr als 20 Jahre nach der Tat an eine Beobachtung erinnert, die doch noch helfen könnte, diesen Mord aufzuklären. „Da kann man immer die Polizei anrufen“, betont Bruno Bösch. „Denn Mord verjährt nicht!“

Info: Es war eine Ermittlungspanne, die Schlagzeilen machte und sogar Autoren von Krimis und Krimiserien inspirierte: Im Jahr 2009 wurde im Zusammenhang mit der Ermordung der Heilbronner Polizistin Michelle Kiesewetter die Identität des „Phantoms“ geklärt, einer bis dahin unbekannten Frau, deren genetischer Fingerabdruck seit 1993 immer wieder im In- und Ausland an den unterschiedlichsten Tatorten  gesichert worden war. Verunreinigte Wattestäbchen, die in der Spurensicherung eingesetzt worden waren, waren der Grund für das Wirrwarr. Die fraglichen Wattestäbchen stammte alle von einem Unternehmen aus Esslingen. Im Fall Josef Walzenbach in Freiburg waren sie in der Küche des Opfers eingesetzt worden und dort fälschlich als Spuren einer möglichen Verdächtigen aufgenommen worden.