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„Hornisgrinde-Wolf“ darf abgeschossen werden – Warum Alternativen scheiterten, erklärt ein Freiburger Experte

Der „Hornisgrinde-Wolf“ zeigt sich selbst von Menschengruppen unbeeindruckt.Der „Hornisgrinde-Wolf“ zeigt sich selbst von Menschengruppen unbeeindruckt. Symbolfoto: stock.adobe.com

Ein Wolf im Schwarzwald zeigt zu wenig Scheu vor Menschen. Deshalb hat das Umweltministerium Baden-Württemberg den Abschuss des Tieres genehmigt. Umweltschützer zogen vor Gericht – doch der Verwaltungsgerichtshof hat am Montag entschieden, dass der „Hornisgrinde-Wolf“ getötet werden darf. Dr. Micha Herdtfelder, Wolfsexperte der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg in Freiburg, erklärt, warum das Verhalten des Wolfs problematisch ist.

Herr Herdtfelder, warum ist das Verhalten des Wolfes ein Problem?

Micha Herdtfelder: Dieser Wolf ist ein sehr spezieller Fall. Er ist Menschen gegenüber extrem entspannt, in der Fachsprache spricht man von einer sehr starken Habituierung. Er hat sich daran gewöhnt, dass Menschen auch sehr nah keine Gefahr darstellen. Gleichzeitig geht von Hunden ein starker positiver Reiz auf ihn aus: Als Wolf ohne Weibchen sucht er den Kontakt zu Artgenossen, und diese Kombination aus Anziehung und Habituierung führt dazu, dass er Menschen mitunter extrem nahe kommt, teils unter fünf Metern. Das ist sehr ungewöhnlich, und damit steigt das Risiko, dass irgendwann etwas passieren kann. Bislang haben wir bei diesem Tier kein gefährliches, aber ein kritisches Verhalten festgestellt, das kippen kann, etwa wenn Menschen ihn anfüttern. Dann kann es auch gefährlich werden.


Selbst vor Menschengruppen zeigt er keine Scheu?

Herdtfelder: Ja, er zeigt sich auch Menschengruppen gegenüber unbeeindruckt und nähert sich gerne an. Er ist daran gewöhnt und bleibt sehr entspannt.


Ist es aus Ihrer Sicht also sinnvoll, dass das Tier abgeschossen wird?

Herdtfelder: Dabei geht es immer um eine Risikoabwägung. Diese trifft die zuständige Behörde, hier das Umweltministerium in Baden-Württemberg. Grundlage ist ein von Fachleuten auf Bundesebene erarbeitetes Skript, das regelt, welche Maßnahmen bei auffälligem Verhalten nötig sind. Bei mehrfachen Annäherungen unter 30 Metern wird empfohlen, das Tier zu besendern. Kennt man dank Senderhalsband seine Position, kann man über einen längeren Zeitraum Vergrämungsmaßnahmen ergreifen. Verändert sich das Verhalten dadurch nicht, ist im Skript als Ultima Ratio der Abschuss vorgesehen. Die Grundlage für Entscheidungen liefern die Monitoring-Daten.


Aber bei diesem Wolf hat das nicht funktioniert?

Herdtfelder: Als wir 2024 das ungewöhnliche Verhalten festgestellt haben, wurde die Besenderung beschlossen. Das ist jedoch extrem schwierig. Trotz seiner Gewöhnung an Menschen bleibt der Wolf ein sehr intelligentes und vorsichtiges Tier. Zunächst haben externe Experten gemeinsam mit uns versucht, ihn mittels Fußfallen zu fangen. Das ist trotz intensiven, großflächigen und zeitaufwendigen Einsatzes nicht gelungen. Anschließend wurde versucht, ihn mit dem Narkosegewehr zu betäuben. Dafür muss man sehr nah an das Tier heran. Wölfe merken jedoch, wenn etwas anders ist als gewohnt: Kommt ein Spaziergänger mit Hund, nähert er sich, doch sobald die Körpersprache der Menschen signalisiert, dass etwas nicht normal ist, hält er wieder Abstand. Deshalb hat das nicht funktioniert. Zugleich hat das Tier über drei Jahre hinweg immer wieder die Erfahrung gemacht, dass es in Menschennähe entspannt sein kann. Wir haben rund 250 Beobachtungen zwischen dem Wolf und Menschen ausgewertet, es dürfte noch deutlich mehr geben. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Vergrämung nach drei Jahren noch zu einer nachhaltigen Verhaltensänderung führt, ist extrem gering.


Lässt sich im Schwarzwald ein aufkommender Wolfstourismus beobachten? Zumindest warnen neue Schilder im Nationalpark Schwarzwald: „Wolfstourismus schadet dem Wolf“.

Herdtfelder: Wir haben dazu keine systematischen Daten. Es gibt Hinweise, etwa vom Bürgermeister vor Ort, dass vermehrt nach dem Wolf gefragt wird. Ob das echter Wolfstourismus ist oder ob Menschen, die einfach schon vor Ort sind, Interesse zeigen, lässt sich nicht bewerten. Hochkritisch wäre es allerdings, wenn Personen versuchen, den Wolf gezielt herzulocken oder zu füttern. Das schafft unter Umständen eine gefährliche Situation, weil der Wolf nicht lernen darf, Futter aus Menschenhand zu bekommen.


Thema Wolfsrudel: Gibt es Hinweise, dass sich im Land wieder eines etabliert?

Herdtfelder: Im Nordschwarzwald gibt es Entwicklungen östlich der Murg. In diesem Territorium wurde ein weiblicher Wolf nachgewiesen. Im Dezember gab es ein Fotofallenbild mit zwei Tieren. Wir gehen von einem Paar aus und erwarten in diesem Frühjahr Jungtiere. Alles andere würde uns überraschen, sicher sagen kann man es jedoch nicht.


Sie sind neben dem Wolf auch für das Luchs-Monitoring zuständig, gibt es hier neue Entwicklungen?

Herdtfelder: Es gibt aktuell ein Projekt zur Auswilderung von Luchsen, da hier anders als beim Wolf keine Population nur durch Zuwanderung entsteht. Bisher wurden drei Weibchen und zwei Männchen ausgewildert. Ein erstes Weibchen ist leider an einem Virus erkrankt und gestorben. Bei den beiden anderen Weibchen, die im Nordschwarzwald unterwegs sind, rechnen wir in diesem Frühjahr mit Nachwuchs.

Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Vergrämung nach drei Jahren noch zu einer nachhaltigen Verhaltensänderung führt, ist extrem gering, so Micha Herdtfelder, Wolfsexperte der Freiburger FVA. Foto: Christian Hanner