Ein Sturz vom Mountainbike oder ein verstauchter Knöchel – in der Natur kann man schnell in Situationen kommen, in denen man sich selbst oder anderen helfen muss. Für solche Notfälle bieten die Freiburger Johanniter jetzt einen Outdoor-Erste-Hilfe-Kurs an. Was die Teilnehmer erwartet, erklärt Kursleiter Michael Geis im Gespräch mit Saskia Schuh.
Was ist das Besondere an diesem Outdoor-Erste-Hilfe-Kurs?
Michael Geis: Das Besondere ist zunächst, dass der Kurs draußen stattfindet, da sind die Rahmenbedingungen völlig andere. Bis auf eine kurze Einweisung in der Dienststelle geht es direkt raus ins Gelände. Wir stellen Szenarien nach und trainieren Schritt für Schritt: Druck, Verbände, Schienen und so weiter. In einem normalen Erste-Hilfe-Kurs überbrückt man meist nur acht bis zehn Minuten, bis der Rettungswagen eintrifft. Outdoor kann es zwei, drei oder vier Stunden dauern, bis Hilfe kommt. Bei längeren Unternehmungen wie Expeditionen oder mehrtägigen Skitouren kann es auch ein oder zwei Tage dauern.
Welche Unterschiede gibt es noch?
Geis: In der Outdoor-Ersten-Hilfe geht es nicht nur um die klassischen Skills, sondern auch um eine andere Vorgehensweise am Unfallort. Eigensicherung hat hier einen deutlich höheren Stellenwert: zuerst retten und absichern, dann die Verletzung beurteilen. Bei Brüchen etwa ist das Vorgehen anders, Transportfragen spielen eine größere Rolle. Hinzu kommen Aspekte wie provisorische Unterkünfte, Regenschutz, Feuer machen oder Nahrungsbeschaffung – kein reines Survival-Training, aber Elemente davon gehören dazu.
Wie läuft so ein Kurs ab?
Geis: Schwerpunkte sind Verletzungen, Frakturen, Blutungen, Schock bei Verletzung und die Unterbrechung von blockierenden Gruppendynamiken in der Ausnahmesituation. Wir stellen zum Beispiel die Situation nach, dass jemand vom Weg abgekommen ist – in lawinen- oder erdrutschgefährdetem Gelände. Beim Mountainbiken kann es passieren, dass jemand mitten im Trail stürzt. Dann ist es entscheidend, die Person zuerst aus der Gefahrenzone zu bringen, bevor andere hineinfahren. Wir starten aber nicht gleich mit Extremszenarien.
Was wird geübt?
Geis: Eine typische Übung: Wandern in unwegsamem Gelände, eine Person kann wegen einer Verstauchung nicht mehr laufen. Dann heißt es einsammeln und zum Rettungspunkt bringen. Wir üben, wie man Rettungspunkte findet, Karten offline liest und mit dem Kompass arbeitet. Bei einem Beinbruch schienen wir so, dass Transport möglich ist. Jemand stürzt einen Hang hinab, ein Ast verursacht eine tiefe Verletzung am Oberschenkel: Wie stoppe ich die Blutung? Solche Situationen üben wir intensiv. Anders als im Erste-Hilfe-Kurs, wo wir schulbuchmäßig trainieren, lassen wir die Teilnehmenden selbst handeln. Fehler sind nicht schlimm, sie passieren. Entscheidend ist, zu erkennen: Ich habe einen Fehler gemacht, jetzt muss ich darauf reagieren, also anders versorgen, anders transportieren oder anpassen. Durch das Üben von Ausnahmesituationen wollen wir den Teilnehmern die Sicherheit vermitteln, in solchen Situationen zielorientiert helfen zu können und handlungsfähig zu bleiben. Das Wichtigste ist zu handeln.
Wie sind Sie auf die Idee gekommen?
Geis: Das war zu einem großen Teil meine persönliche Motivation. Survival-Techniken und Outdoor-Erste-Hilfe beschäftigen mich seit Jugendtagen. Ich wollte so einen Kurs schon lange umsetzen. In Mannheim gibt es das Angebot bei den Johannitern bereits, da lag es nahe, das auch in Freiburg zu machen. Die Umgebung mit der Nähe zum Schwarzwald eignet sich dafür hervorragend.
An wen richtet sich der Kurs?
Geis: Zielgruppen sind vor allem Mountainbiker, Wandernde, Tourenradler sowie Jäger, Waldarbeiter oder Mitarbeiter in Waldkindergärten. Grundsätzlich ist der Kurs für alle sinnvoll, die größere oder abgelegenere Touren planen oder sich häufiger abseits leichter Wege bewegen. Im weiteren Sinne kann das Wissen auch in Zeiten zunehmender Extremwetter und Krisen nützlich sein – auch wenn es dafür wiederum spezialisierte Kurse gibt. Hilfreich ist ein normaler Erste-Hilfe-Kurs im Vorfeld. Wichtig: Unser Kurs ist kein BG-Kurs und ersetzt ihn nicht – Betriebshelfer müssen weiterhin den regulären Erste-Hilfe-Kurs absolvieren. Wir rechnen mit rund 20 Teilnehmern pro Kurs.
Haben Sie dafür spezielle Weiterbildungen absolviert?
Geis: Ja, mehrere. Ich beschäftige mich seit frühester Jugend mit dem Thema – damals war Rüdiger Nehberg für viele ein Vorbild in Sachen Survival. Das Interesse hat mich immer wieder begleitet. Unter anderem bin ich ehrenamtlich Erste-Hilfe-Ausbilder für die Breitenausbildung und für die Betriebshelfer.
Beobachten Sie eine Tendenz zu mehr Unfällen in der freien Natur?
Geis: Ich glaube, die Tendenz ist steigend. Vermutlich spielen Fehleinschätzungen von Wetter- und Klimabedingungen eine Rolle, gerade bei Bergwanderungen. Es reicht schon, am Feldberg abseits zu wandern und falsches Schuhwerk zu tragen. Unterkühlung und Hitzschlag sind wichtige Themen, die oft unterschätzt werden. Dann ist es sinnvoll zu wissen, was zu tun ist.



Wie versorgt man einen Verletzten im Wald? Das lernen die Teilnehmer unter anderem bei dem Outdoor-Kurs. Foto: Johanniter/Grosser