In sechster Generation ist Manuel Herder Verleger des traditionsreichen Freiburger Herder-Verlags. Am heutigen 4. März feiert er seinen 60. Geburtstag. Im Interview mit Matthias Joers blickt der vierfache Familienvater auf prägende Momente zurück, spricht über Audienzen bei Päpsten, über den stationären Buchhandel und die Zukunft des Herder-Verlags.
Herr Herder, Sie sind in Freiburg in einer traditionsreichen Verlegerfamilie aufgewachsen. Wie hat diese Kindheit zwischen Büchern und Autoren Sie geprägt?
Manuel Herder: Für ein Kind ist sein Leben ja normal. Insofern war es nichts Besonderes, wenn mein Vater gelegentlich Autoren mit nach Hause brachte. Natürlich durften wir nicht den ganzen Abend dabei sein. Erst später, als wir älter wurden, durften wir bei Gästebesuch gelegentlich kellnern – bis es dann Zeit war, ins Bett zu gehen. Da hatten wir Kinder immer enorm viel Spaß.
Und wie sind Sie als junger Mann mit der Aussicht umgegangen, eines Tages unternehmerische Verantwortung zu übernehmen?
Herder: Das hat sich im Lauf der Zeit herauskristallisiert. Wir haben eine Familientradition, dass im Grunde jeder erst mal einen eigenen Weg geht. Ich habe mich ja sehr stark mit Japan beschäftigt, also lag mein Fokus auf Japanologie, neben den anderen Fächern, die ich studiert habe. Irgendwann war klar, dass die Chance besteht, ins Familienunternehmen einzusteigen. Das habe ich dann gemacht und habe es auch gerne gemacht.
Wenn Sie auf Ihren persönlichen Werdegang zurückblicken: Welche Meilensteine waren entscheidend für Ihren Weg als Verleger?
Herder: Wichtig waren die vielen Begegnungen mit interessanten Menschen. Auch Menschen, die einen kritisch begleiten – Kritik ist wertvoll. Wichtig war zudem mein Studium. Einerseits habe ich sowohl Theologie als auch Philosophie und Erziehungswissenschaften studiert, auf der anderen Seite BWL-Vorlesungen gehört und später eine Controller-Ausbildung absolviert. Das prägt und bringt einen im Leben voran.
Gibt es Bücher, die Sie selbst über Jahrzehnte begleitet und vielleicht sogar in Ihrer verlegerischen
Haltung beeinflusst haben?
Herder: Ich nenne mal eines von einem Konkurrenzverlag, damit es auch Spaß macht (schmunzelt). Wegweisend fand ich „Die Torheiten der Regierenden“ von Barbara Tuchman. Sie analysiert, wo Entscheidungsträger in der Geschichte Torheiten begingen. Was in Troja oder Vietnam galt, gilt auch für das eigene unternehmerische Handeln. Also: Wenn ich Entscheidungen treffe, habe ich wirklich an alles gedacht? Alle gefragt? Alle Informationen, die es geben könnte, gesucht? Torheiten sind Fehler, die man vermieden hätte, wenn man alle Informationen, die zur Verfügung standen, genutzt hätte.
Die Digitalisierung hat den Buchmarkt grundlegend verändert. Was war die größte Herausforderung?
Herder: Wenn ich in die Vergangenheit zurückblicke, war es die größte Herausforderung, wie eine analog arbeitende Mannschaft digital werden kann. Und das im Grunde so schnell wie möglich. Wie konnten wir also genug Digital Natives ins Team integrieren und uns das auch leisten? Ein weiteres Riesenthema war unsere Beteiligung bei Thalia als Mehrheitsgesellschafter. Das hat unser unternehmerisches Leben sehr gewandelt.
Nun gab es die Investition in den Umbau der gerade wiedereröffneten Herder & Thalia-Buchhandlung in der Innenstadt. Ist das auch ein Statement für den stationären Einzelhandel?
Herder: Für uns ist das ein klares Bekenntnis zu Freiburg und seinen Menschen. Wichtig war uns aber, dass es nicht nur ein Ort zum Einkaufen wird. Auf jeder Etage gibt es Orte zum Verweilen. Es soll ein Treffpunkt sein, der die Liebe zu Büchern und zum Lesen erlebbar macht. Die Rückmeldungen sind sehr ermutigend.

Sie hatten zahlreiche Audienzen im Vatikan und 2018 sogar bei der japanischen Kaiserin Michiko – was nimmt man persönlich mit von Begegnungen wie diesen?
Herder: Letztes Jahr konnte ich Papst Leo XIV. seine erste Biografie persönlich überreichen. Auch die Begegnung mit der japanischen Kaiserin Michiko war ein wirklich sehr sympathisches und persönliches Gespräch. Menschen sind aber Menschen, und so wie wir beide gerade ganz normal miteinander sprechen, so redet man auch mit diesen Menschen ganz normal, aber das Drumherum ist vollkommen anders. Aber ja, es waren für mich immer sehr inspirierende Treffen, die mich jedes Mal tief beeindruckt haben.
Ist dieser direkte Zugang zu den Päpsten natürlich gewachsen?
Herder: Dadurch, dass wir im deutschen Sprachraum Marktführer im Bereich wissenschaftliche Theologie und Religion sind, gibt es da einfach gewachsene Strukturen und Kontakte. Ich erinnere mich zum Beispiel noch gut daran, wie mich mein Vater schon als Jugendlicher mit in den Vatikan genommen hat. Er war mindestens einmal im Jahr da, und somit sind uns die Wege dort einigermaßen vertraut.
Zum Abschluss: Welche Projekte oder Themen liegen Ihnen für die kommenden Jahre besonders am Herzen – für Ihr Unternehmen und für den Standort Freiburg?
Herder: Ich finde es wichtig, dass unser Verlagshaus mit seinem Programm am Puls der Zeit bleibt. Ebenso wollen wir uns als Unternehmen den Herausforderungen stellen, die das ganze Thema digitale Beschleunigung durch künstliche Intelligenz mit sich bringt. Es gibt dadurch sehr viel mehr Wissen, und sehr viel mehr Prozesse finden in sehr viel kürzerer Zeit statt. Wir befinden uns als Gesellschaft in einem unglaublichen Wandel. Hier die richtigen Themen und die richtigen Autoren zu finden, das begeistert mich, und es macht mir Freude, daran weiterzuarbeiten.


Im Sommer 2025 durfte Verleger Manuel Herder (links) dem gerade frisch zum Papst gewählten Leo XIV. dessen erste Biografie in Rom persönlich übergeben. Foto: Vatican Media