Am 17. April 1936 gerieten 27 englische Schüler, geführt von ihrem Lehrer, am Schauinsland in Bergnot. Retter aus Hofsgrund eilten ihnen zur Hilfe, doch fünf Schüler kamen ums Leben. Nun treffen sich nach 90 Jahren erstmals die Nachfahren der Geretteten und der Retter in Freiburg und in Hofsgrund.
Unterhalb des Gipfels des Schauinslands erinnert das Engländerdenkmal an die Tragödie, die sich am 17. April 1936 abgespielt hat. Nun kommen auf Initiative von Bernd Hainmüller und des in Hofsgrund aufgewachsenen Journalisten Marius Buhl zum 90. Jahrestag erstmals Nachfahren der Schüler aus England nach Freiburg und Hofsgrund, um die Nachfahren der damaligen Retter zu treffen. Rund 25 Gäste aus Großbritannien, darunter Nachfahren von sieben damals betroffenen Familien, werden in Freiburg erwartet.
Als der Freiburger Soziologe und Erziehungswissenschaftler Bernd Hainmüller vor 27 Jahren zum ersten Mal am 1938 von der Hitlerjugend errichteten Engländer-Denkmal stand, fand er dort nur die Version eines tragischen Bergunglücks. „Es war die Nazi-Sicht der Ereignisse“, sagt Hainmüller. Eine Version, geprägt von der Legende vom unvermeidlichen Unglück, die der Lehrer Kenneth Keast erzählte und die die Nationalsozialisten bereitwillig aufgriffen. Kein kritisches Wort war erlaubt darüber, wie ein Lehrer ihm anvertraute Jugendliche zwischen zwölf und 17 Jahren trotz der ihm bekannten schlechten Wetteraussichten und mehreren Warnungen, leicht bekleidet auf eine Wanderung von Freiburg über den Schauinsland nach Todtnauberg führen konnte. Auch kein Wort über die Menschen aus Hofsgrund, ohne deren Rettungseinsatz weitere der erschöpften und unterkühlten Schüler ihr Leben in dieser Nacht verloren hätten.

Hainmüller wollte den Geschehnissen auf den Grund gehen und sprach mit den Nachfahren der Retter aus Hofsgrund. „Jede Familie hat Erinnerungen an den Unglücksabend, als der ganze Ort den Schülern geholfen hat.“ Auf der Inschrift des Engländerdenkmals war davon keine Rede. Der Hobby-Historiker erforschte die Geschichtsarchive und konnte nicht nur die eigentlichen Ereignisse am Unglückstag rekonstruieren, sondern auch darlegen, wie das Narrativ vom unvermeidlichen Unglück zur Propaganda der Nationalsozialisten passte. Sein Buch „Tod am Schauinsland“ erschien 2021 und erhielt im Erscheinungsjahr den Landespreis für Heimatkunde.

Das Treffen der Nachfahren zum 90. Jahrestag des Engländerunglücks beginnt auf Einladung des Freiburger Gastronomen Toni Schlegel mit einem gemeinsamen Abendessen in Oberkirchs Weinstuben. Sie freue sich auf den Austausch mit den Nachfahren der am Engländerunglück Beteiligten, sagt Julia Wolrab, Leiterin des Dokumentationszentrums Nationalsozialismus. Auch die Journalistin Kate Connolly, die 2016 im Guardian über die Ereignisse und ihre Instrumentalisierung durch die NS-Propaganda berichtete, wird am Treffen teilnehmen.
Am Samstag, 18. April, wird es einen Gedenkgottesdienst in Hofsgrund geben. Am Sonntag, 19. April, wird mit einer öffentlichen Ausstellung im Bürgerhaus in Hofsgrund mit historischen Fotos und Vorträgen von Hainmüller die Geschichte rund um das Engländerunglück erlebbar gemacht. Auch der 2022 gedrehte englische Dokumentarfilm „The hike that killed five schoolboys“ wird erstmalig mit deutscher Übersetzung zu sehen sein. Heike Schwende


Einige der Mitglieder der englischen Schülergruppe von 1936. Foto: Stadtarchiv Freiburg M 75-1 K. 1