Die USA haben es, Teile von Mexiko haben es – und jetzt auch Freiburg: Das Amt für Brand- und Katastrophenschutz (ABK) hat gemeinsam mit Google die Anwendung „Live-Video“ entwickelt. Das Tool ermöglicht Live-Videoübertragung von Notrufen direkt in die Integrierte Leitstelle (ILS) in Freiburg – für Rettungskräfte ein erheblicher Vorteil, um Menschenleben retten zu können.
Henning Schmidtpott hat sein Smartphone in der Hand, als plötzlich ein Pop-up-Fenster mit der Frage auftaucht: „Live-Video teilen?“ Das Fenster ploppt auf, weil die Leitstelle das Videobild angefordert hat. Schmidtpott, der Systemadministrator der Leitstelle, klickt auf seinem Handy auf „Teilen“ – und schon steht die Videoverbindung in die Integrierte Leitstelle (ILS) in der Freiburger Eschholzstraße. Was bisher nur umständlich über einen SMS-Link funktionierte, der den Kontakt zu einer Webseite herstellte, funktioniert nun bei Android-Handys mit einem einzigen Klick. Nur bei Apple-Handys sei nach wie vor ein Umweg nötig.
„Bei Notrufen stehen die Disponenten vor einer großen Herausforderung. Innerhalb von Sekunden müssen sie am Telefon eine Notfallsituation richtig einschätzen und den Notrufenden schnellstmöglich die passende, qualitativ beste Hilfe zukommen lassen“, erklärt Christian Emrich. Nun könne der Disponent die Bilder der Handykamera in seine Entscheidung mit einbeziehen, „ein riesiger Innovationsschritt“, so der Leiter des Amtes für Katastrophenschutz. „Und zwar datenschutzkonform“, wie Feuerwehr-Bürgermeister Stefan Breiter (CDU) betont. Die Live-Videos würden nirgends gespeichert und würden komplett verschlüsselt übertragen, erläutert Benjamin Löhner, Entwickler bei US-Konzern Google. Löhner bestätigt auch noch einmal, was alle Beteiligten sichtlich stolz macht: „Freiburg ist die erste Leitstelle in ganz Europa, die Live-Video offiziell einsetzt. Bislang gab es das nur in den USA und in Teilen Mexikos.“ Dass Freiburg bei der Technik in Europa vorangehe, sei „vielleicht Zufall oder ein bisschen Glück, steht uns aber sehr gut zu Gesicht“, so Bürgermeister Breiter.
Denn schon 2020 war Freiburg bundesweit Vorreiter bei der automatischen Übertragung der GPS-Standorte von Smartphones an die Integrierte Leitstelle (genannt AML – „Advanced Mobile Location“). Nun folgt mit Live-Video die nächste Innovation. Seit drei Monaten lief der Freiburger Testlauf mit Google. Als konkrete Anwendungsbeispiele nennt Schmidtpott zum Beispiel einen Fahrzeugbrand, bei dem sich erst durch die Videoübertragung herausstellt, dass das Auto in einer Garage steht – „das macht einen Riesenunterschied, denn jetzt handelt es sich um einen Gebäudebrand und wir können direkt deutlich mehr Löschfahrzeuge schicken“.
Ein anderes Anwendungsfeld seien Reanimationen bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand. Durch die Nutzung von Live-Video kann die Leitstelle direkt mitverfolgen, wie Ersthelfer eine Wiederbelebung umsetzen. „Falls nötig, kann der Disponent korrigierend eingreifen“, sagt Christian Emrich. Das gebe den Menschen, die einen Notruf absetzen, „auch ein gutes Gefühl“, so Bürgermeister Breiter. Freiburgs Oberbürgermeister Martin Horn betont, dass die Integrierte Leitestelle nicht nur „Leben rettet und Einsätze koordiniert, sondern auch sehr innovativ unterwegs ist. Dafür bin ich sehr dankbar“, so Horn, der hofft, „dass nun viele weitere Leitstellen unserem Beispiel folgen werden.“
Die neue Technik ist ab sofort auf allen Android-Geräten nutzbar, ohne dass Änderungen an den Einstellungen notwendig sind. Wann Apple-Handys die Technik erhalten, sei noch offen.


Henning Schmidtpott von der Leitstelle demonstriert die Live-Video-Notrufe per Smartphone. Foto: Joers