Ein Bernerdoodle namens Balou besucht Patienten auf der Intensivstation des Freiburger St. Josefskrankenhauses – mit messbarem Effekt. Was vor zwei Jahren mit Intensivpflegerin Andrea Mies und ihrem Hund Balou begann, hat sich zu einem wissenschaftlichen Projekt mit großem Echo entwickelt. „Wir wollten zeigen, dass tiergestützte Interventionen auch im hochsensiblen Intensivbereich machbar und wirksam sind“, sagt Andrea Mies. Zu ihr gehört Balou, dreieinhalb Jahre alt, ein Mix aus Großpudel und Berner Sennenhund und ausgebildeter Therapiehund.
Können der Blick in Balous dunkle Augen, der Kontakt mit seinem weichen Fell schwerkranken Patienten auf der Intensivstation helfen? Die Erfahrungen, die Andrea Mies bei ihren Patientenbesuchen mit Balou gemacht hat, sprechen dafür, doch um neue Therapieansätze zu etablieren, braucht es weit mehr als persönliche Erfahrungen.
Gemeinsam mit Dorothea Allendorf, die die Intensivstation des St. Josefskrankenhauses leitet, der Projektmanagerin Christina Schneider und der wissenschaftlichen Mitarbeiterin Clara Vatterot startete Mies eine klinische Studie mit 24 Intensivpatienten und Balou. Nach ihrem Einverständnis zur Studienteilnahme wurden die Patienten nach dem Zufallsprinzip auf eine von zwei Gruppen verteilt. Während die Patienten der ersten Gruppe zweimal Besuch von Andrea Mies und Balou erhielten, ging sie zu den Patienten der zweiten Gruppe ohne ihren Hund. Das Studienteam erfasste unter anderem wie sich die Herzfrequenz der Patienten veränderte, wie die Patienten ihren Stresslevel auf einer Skala von eins bis zehn einschätzten und wie sich die Dauer des Klinikaufenthalts zwischen den Gruppen unterschied.
Im Februar wurden die Ergebnisse erstmals bei einem deutschen Fachkongress für Intensivmedizin in Bremen vorgestellt und sorgten für Furore: Bei Patienten, bei denen Balou mit am Krankenbett war, sank die Herzfrequenz, die Patienten gaben an, weniger gestresst zu sein, zeigten mehr positive Reaktionen wie ein Lächeln und kommunizierten mehr als die Patienten, die Besuch von Andrea Mies ohne Balou erhalten hatten. „Zwar konnten wir auch durch den Besuch von Andrea ohne Balou eine positive Veränderung nachweisen, aber sie war deutlich weniger stark als bei den Besuchen, bei denen Balou mit dabei war“, sagt Clara Vatterot.
Auch andere Kliniken zeigen Interesse an dem Konzept des St. Josefskrankenhauses
Besonders beeindruckend zeigte sich die Wirkung des Besuchs von Balou bei den Aufenthaltszeiten im Krankenhaus: Patienten, die Balou besucht hatte, konnten früher von der Intensivstation auf die Normalstation verlegt werden und hatten insgesamt einen sehr viel kürzeren Krankenhausaufenthalt als die Patienten ohne Besuch von Balou.
Zwar sei die Zahl der Studienteilnehmer mit 24 Patienten klein und die Ergebnisse müssten deshalb vorsichtig interpretiert werden, sagt Clara Vatterot, aber dem Team ist im deutschsprachigen Raum ein Durchbruch gelungen. Bisher gab es vergleichbare Daten nur aus Großbritannien und den USA. Eine von den Krankenkassen erstattungsfähige Leistung sind die Besuche von Balou bisher nicht.
Nach dem Kongress erreichten das Team zahlreiche Anfragen. „Viele wollten wissen, wie wir das hygienisch und organisatorisch gelöst haben“, sagt Christiane Schneider. Es brauchte interne Überzeugungsarbeit, ein Hygienekonzept und intensives Training für Balou, um das Projekt auf der Intensivstation, wo strenge Hygienevorschriften ein Muss sind, durchführen zu können. Begleitet von einer Hundetrainerin übte Andrea Mies mit Balou, wohin er seinen Kopf am Krankenbett legen soll – auf eine Hygieneunterlage. Auch das Gesundheitsamt kam vorbei, um sich Balous Arbeitseinsatz kritisch anzuschauen. Das Hygienekonzept funktioniert: Infektionen hätte es bei keinem der Patienten gegeben, sagt Dorothea Allendorf.
„Wahnsinnig ruhig und liebevoll“ beschreibt Andrea Mies ihren Hund. Ideal in der lauten, technischen und für die Patienten oft angstbesetzten Umgebung einer Intensivstation. Und genauso wichtig: Balou geht gerne dorthin. „Wenn ich zu Hause sage: „Komm, wir gehen arbeiten“, dann steht er an der Tür.“


Balous Besuch, zusammen mit Intensivpflegerin Andrea Mies, wirkt beruhigend. Foto: Artemed Kliniken Freiburg