Die Fasnet lebt – aber nicht von allein. 25 Aktive der Reblauszunft stemmen in St. Georgen das ganze närrische Jahr, mit Herzblut, Zeit und Verantwortung. Doch es wird eng und Familienzunft zu sein heißt heute, sich neuen Lebensrealitäten zu stellen – ohne die Tradition zu verlieren.
Wenn Michael Pfahler, Zunftvogt der Reblauszunft in St. Georgen, über die Fasnet spricht, wird schnell deutlich: Es geht um weit mehr als Masken, Umzüge und närrisches Treiben. Die Fasnet ist für ihn ein soziales Fundament des Ortes – ein Treffpunkt für Menschen aller Generationen, Herkunft und Persönlichkeiten.
Aktuell sieht sich die Reblauszunft in Sachen Gemeinschaft und Zusammenhalt gut aufgestellt. Rund 25 aktive Hästräger tragen die Verantwortung für die Gestaltung der Ortsfasnet. Eine Zahl, die jedoch kritisch ist. „Bei Krankheit oder Ausfällen wird es schnell schwierig“, sagt Pfahler. Besonders im Alterssegment zwischen 25 und 40 Jahren ist die Zunft unterbesetzt – dabei sei genau diese Gruppe für viele Vereine entscheidend, um langfristig bestehen zu können.
Nicht nur an der Fasnet aktiv
Traditionell versteht sich die Zunft als Familienzunft. Lange lebte sie davon, dass ganze Familien mitwirkten. Doch das Freizeitverhalten hat sich verändert. Verpflichtungen sind vielfältiger geworden, Verlässlichkeit schwieriger. „Die große Flexibilität von heute erfordert auch von uns neue Antworten“, so Pfahler. St. Georgen wächst, aber der Kontakt zu Neubürgern kommt nur schwer zustande. „Ich weiß nicht, ob man sich heute noch so selbstverständlich in den Ort einbringen möchte“, so der Zunftvogt.
Dabei ist das Zunftjahr alles andere als ruhig. Die Bürgerfasnet und der Zunftabend am Wochenende des 31. Januar und 1. Februar bildet zwar den Höhepunkt, doch auch darüber hinaus ist die Zunft das ganze Jahr aktiv: bei Weinfesten, Freizeitaktionen und gemeinschaftspflegenden Veranstaltungen. Nach der Fasnet kehrt keine Ruhe ein – das Miteinander bleibt zentral.

In leuchtende Kinderaugen blicken
Besonders bewegen Pfahler die Begegnungen während der närrischen Tage. „In leuchtende Kinderaugen zu blicken, während man selbst unter der Maske steckt, ist sensationell“, sagt er. Man spüre sofort, ob ein Kind offen oder eher zurückhaltend ist – doch gerade dieser direkte, ehrliche Kontakt mache den Reiz aus. Auch bei Seniorinnen und Senioren seien die Narren beliebt, wenn sie mit Humor und Respekt für Abwechslung sorgen.
Gleichzeitig beobachtet der Zunftvogt eine Veränderung der Fasnet. Traditionen würden nicht immer eingehalten, vor allem durch neu gegründete Zünfte. Manche Bräuche würden falsch verstanden oder überzogen: Schuhe an den Schnürsenkeln zusammenbinden könne man noch positiv sehen, doch mit Klebeband zusammenkleben, Schuhe ausziehen oder gar wegwerfen gingen zu weit. Auch das Bemalen von Gesichtern – und teils sogar Kleidung – mit Farbstiften habe man wieder eingestellt. Für Pfahler ist klar: Der Narr ruft „Narri“, wartet auf die Antwort und wirft Bonbons. Körperlicher Kontakt gehört zum Schunkeln und Tanzen – nicht zu Zwang oder Grenzüberschreitungen.
Umso größer ist die Vorfreude auf die eigenen Veranstaltungen: Narrensuppe, Besuche in Schule, Kindergarten und Seniorenheim, Narrenmessen, Schnurren in St. Georgen, Scheibenschlagen, Kappensitzung, Rathaussturm und der Rosenmontagsumzug der Breisgauer Narrenzunft. Ein besonderes Highlight ist die Ratssuppe, bei der auch politische Gäste erscheinen – vom Oberbürgermeister über Gegenkandidaten bis hin zu Landtagskandidaten und Gemeinderäten.
Die Fasnet ist auch politisch
Für Pfahler ist die Fasnet auch politisch im besten Sinne: Der Narr hält den Bürgern den Spiegel vor. Büttenreden, Schnurren und Tänze sind Ausdruck einer Narrenfreiheit, die als Form der Meinungsfreiheit oft unterschätzt wird. „Der Verbindung von Fasnet und Ballermann müssen wir entgegenarbeiten“, mahnt er. Denn Fasnet bedeute Gemeinschaft, soziales Miteinander und kulturelle Tiefe – ein Faktor, dessen Bedeutung häufig verkannt werde.
Ein besonderes Beispiel für gelebte Gemeinschaft sind die Rebrolltrudeviecher, in denen Kinder zwischen einem und 15 Jahren aus allen vier St. Georgener Zünften zusammenkommen. Drei- und Sechzehnjährige stehen gemeinsam auf der Bühne – und erleben ein starkes Gemeinschaftsgefühl, das über Altersgrenzen hinweg trägt.
Am Ende bleibt für Pfahler eine klare Überzeugung: „Fasnet ist nichts, was man mit KI nachbilden kann.“ Sie lebt vom Mitmachen, vom persönlichen Einsatz, von echten Begegnungen. Und genau darin liegt ihre unverwechselbare Stärke.


Der Blick in leuchtende Kinderaugen – für MIchael Pfahler von den
Rebläusen in St. Georgen das Größte an Fastnacht. Foto: Rita Eggstein